Die Wanne ist voll

- Hol's der Geier. Es gibt Stücke, die müssen sofort gespielt werden oder gar nicht. Die Welle der neuen englischen Dramatik ist abgeebbt - München hatte sie nie ganz überschwemmt -, da präsentiert im Marstall das Bayerische Staatsschauspiel "Phaidras Liebe" von Sarah Kane (1971-1999) als erste Premiere dieser Saison. Und tut dies durchaus halbherzig.

<P>Denn Regisseur Florian Boesch hat das ganze Tragödien-Brimborium des Finales - das Tribunal mit Statisten, die inkognito auftretenden Figuren Theseus und Strophe sowie allerlei Ekligkeiten der Verstümmelung und Ermordung, kurz, die ganze Kane'sche Schlachteplatte - gestrichen. Also auch den über dem sterbenden Hippolytos kreisenden Geier.<BR><BR>Einerseits eine freundliche Regie-Entscheidung: Der Exzess der Maßlosigkeit bleibt einem erspart. Andererseits: Warum dann überhaupt dieses Stück, wenn die extreme Radikalität der Autorin, das Ziel des Ganzen, gekappt wird?<BR><BR>Es gibt natürlich einen Grund dafür am Staatsschauspiel. Denn gedacht ist diese Inszenierung vor allem wohl als Paraphrase auf die "Phädra" von Racine, die im Residenztheater zu sehen ist. Dort die Klassik, die die Gier nach Liebe unausgesprochen kunstvoll in Sprache umsetzt. Hier nun die so genannte Moderne, die kein Blatt vor den Mund nimmt, die alles zeigt, was bei Racine nur gedacht ist. Was letztlich in der mutlos aufs Kammerspiel reduzierten Marstall-Inszenierung langweilig wird. Trotz der an Krimis erinnernden, wirkungsvollen Auftritte über eine Treppe oder geheimnisvoll durch eine Seitenwand. Trotz manch dezent szenischer Zitate aus der "Phädra" im Haupthaus.<BR><BR>In dem designten Schmutz des Raumes (Stefan Hageneier) mit einer verdreckten Badewanne in der Mitte stellen sich Chaos und Abgrund in den Menschen doch nur schwer dar.<BR><BR>Ulrike Willenbacher spielt tapfer die Phaidra und lässt in der emotionalen Getriebenheit und der sexuellen Handgreiflichkeit dieser nicht mehr ganz jungen Frau aus dem tiefsten Urgrund ihres Seins irritierende Mädchenhaftigkeit aufscheinen. Dabei gelingt der Schauspielerin das, was ihre jungen Partner nicht leisten können: die fein ironischen Ausbrüche aus dem in Wahrheit altmodisch naturalistischen Korsett des Stücks - wenn sie sich wie eine "Hochdramatische" gegen die Wand wirft oder sich mitten im Badewannen-Sex mit einem theatralischen "Warum" exaltiert nach hinten aufbäumt. Dann sind das Momente darstellerischer Delikatesse.<BR><BR>Oliver Möller als Hippolytos schlägt sich wacker als kindisches Scheusal und sexistischer Macho, schnörkellos und klar. Was auch für die anderen Darsteller gilt.<BR><BR>Zwei gewichtige Kurzauftritte hat - wie aus einer anderen Theaterwelt kommend - Felix von Manteuffel als Theseus. Nach einer Stunde Spieldauer zieht er das lange Messer - und ruckzuck rein in Rücken, Bauch und durch die eigene Kehle. Kunstblut en masse. Irgendwie ist das alles unfreiwillig doch ein bisschen komisch.<BR><BR></P>

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