Wir waren alle Avantgardisten

- Ein Komponist - und Pastor dazu: Zwischen seinen beiden großen Leidenschaften hat sich Dieter Schnebel nie entscheiden wollen - er betreibt sie nach wie vor beide. 1930 in Lahr im Schwarzwald geboren, gehört Schnebel seit den 50er-Jahren zu den unverwechselbaren Stimmen der zeitgenössischen Musik in Deutschland. Darüber hinaus war er über lange Jahre evangelischer Pfarrer, Religions- und Musiklehrer und predigt bis heute an der Johann-Sebastian-Bach-Kirche in Berlin-Lichterfelde.

Morgen wird Schnebels Opernfragment "Majakowskis Tod" am Gärtnerplatztheater erstmals in München aufgeführt. Es dirigiert Ekkehard Klemm, es inszeniert Florentine Klepper, die Titelrolle singt Holger Ohlmann. Sie müssen bestehen nicht nur vor den Augen und Ohren des Publikums, sondern auch vor denen des anwesenden Komponisten. Sie begleiten derzeit die letzten Vorbereitungen zur Premiere von "Majakowskis Tod". Was ist das für ein Gefühl?Schnebel: Zunächst habe ich jetzt meine Musik nach sieben, acht Jahren erstmals wiedergehört, und sie hat mir wieder ziemlich gut gefallen. Die Regie von Florentine Klepper macht die Katastrophe Majakowskis, des Dichters der frühen Sowjetunion, sehr schön deutlich mit einem Konzept der allmählichen räumlichen Verengung: In der ersten Szene, Majakowskis letztem öffentlichen Auftritt, ist alles noch sehr weit, in der letzten, als er sein Testament schreibt, sitzt er in einem kleinen Käfig. Übrigens ein Bild von schöner Aktualität, wenn man an den Schauprozess gegen den russischen Ölbaron Chodorkowski denkt, der im Gerichtssaal auch immer hinter so einem Gitter sitzen musste.Der russische Futurist, Zeichner und Dichter Wladimir Majakowski (1893- 1930) fasziniert Sie schon sehr lange. Warum?Schnebel: Das erste Mal bin ich mit Majakowski während meiner Studentenzeit in Berührung gekommen, als ein Kommilitone von mir Gedichte von ihm auf Russisch und Deutsch rezitierte. Ich war damals restlos weg von der Sprachmelodik und der Kraft dieser Texte und habe ein Gedicht von Majakowski dann auch in meiner Komposition "Glossolalie 61" verwendet. Das war in den wilden 60er-Jahren - wir waren alle Avantgardisten, niemand dachte damals daran, eine Oper zu schreiben. Das kam erst verhältnismäßig spät, als ich schon auf die 60 zuging und merkte, dass es allmählich Zeit wurde, verschiedene Großprojekte anzugehen: eine Messe, eine Sinfonie und eben eine Oper.Alles sehr traditionelle Gattungen . . .Schnebel: Natürlich. Aber ich habe ja auch eine traditionelle Ausbildung. Ich bin ein alter Europäer, Europas Geschichte steckt mir in den Knochen. Ganz anders etwa als John Cage, mit dem ich befreundet war. Cage hatte ja Unterricht bei Arnold Schönberg, und als ich ihn einmal fragte, was sie dort in einem Semester gemacht hatten, da sagte er: Oh, Beethoven-Sonaten. Nein, eigentlich nur eine Beethoven-Sonate. Aber eigentlich nur den ersten Satz. Genauer eigentlich nur bis zum Ende der Exposition. Während eines ganzen Semesters! Solche "europäische" Genauigkeit befremdete Cage. Mich nicht. Mir ist es wichtig, die Errungenschaften der abendländischen Musik seit der Gregorianik in mein Werk mit einzubeziehen.Was bedeutet das für "Majakowskis Tod"?Schnebel: Es ist eben keine Anti-Oper, sondern ein Werk, das auf der Gattung Oper gründet und das die Mittel der Oper nützt. Also durchaus mit traditionellen Formen wie Arie, Duett, Terzett.Wo bleibt der Avantgardist Schnebel?Schnebel: Vor allem in die Chor-Partie habe ich viel von meiner eigenen kompositorischen Sprache eingebracht. In meinem Werk haben schon immer Geräusche des Körpers eine große Rolle gespielt. In "Majakowskis Tod" ist es - wieder einmal - das Atmen. Wir wissen, dass Majakowski in den letzten Wochen vor seinem Suizid, oder vielleicht auch seiner Ermordung durch die Schergen Stalins, ständig erkältet, schweratmig, vergrippt war. Diese Enge muss zu hören sein, und da bin ich sehr bei meiner eigenen Tradition.Worum geht es in dem Stück?Schnebel: Letztlich um die beiden großen Themen, um die es in der Oper immer schon gegangen ist: um Liebe und Tod.Gut ausgehen tut's ja nicht: Ist der Komponist und Theologe Schnebel pessimistisch, was die letzten Dinge angeht?Schnebel (schmunzelt): Ich glaube nicht. Sicher: Am Ende steht eine Katastrophe, aus dem Lautsprecher erklingt die Stimme Stalins: "Du musst sterben!", aber Majakowski stößt immer wieder sein "Ich will leben!" hervor. Dann gibt es noch ein kleines düsteres Nachspiel, da erklingt eine große einstimmige Melodie, sie hat weder Anfang noch Ende und dreht sich um sich selbst. Das kann sich immer weiter drehen - insofern mag es schon eine Hoffnung bedeuten.

Das Gespräch führte Andreas Grabner

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