Warten auf Genie

- "Dass man so ein Leben nie in allen seinen Zusammenhängen begreifen kann", bemerkt Pia, die Natürlichkeitsfanatikerin. "Ein Glück ist's, Pia, ein Glück", antwortet ihr Helen, die sich zum Sterben extra aufgetakelt hat und sich großzügig aus ihrem mitgeschleppten Klamottenkoffer bedient. Denn, so weiß sie, "das Leben ist eine ziemliche Überfrachtung".

In dem neuen Stück von Theresia Walser, "Die Liste der letzten Dinge", das jetzt vom Bayerischen Staatsschauspiel im Theater im Haus der Kunst uraufgeführt wurde, geht's ums Wesentliche: die Banalität des Lebens, das Scheitern am eigenen Anspruch, die Auflösung des Ichs. Und das ganz ohne philosophische Schwere.

Eine Weiberwirtschaft

Mit der wunderbaren Leichtigkeit ihres Aberwitzes und der Tiefenschärfe ihres Humors jubelt Walser ihrem Publikum hier einmal mehr eine existenzialistische Komödie unter, die in schillernder Mehrdeutigkeit auf verschiedenen Ebenen angesiedelt ist. Eindeutig eine Weiberwirtschaft. Ein "Warten auf Godot" für Frauen. Helen und Pia - das weibliche "Restpaar" (so ein früherer Walser-Titel) der Theatergeschichte.

Ein Stück ohne Anfang und ohne Ende. Wir sehen einen Ausschnitt des sich ewig Wiederholenden. Denn natürlich kommt hier nicht der erwartete Vollstrecker, und natürlich vergehen Helen und Pia am Ende nicht auf dem Abfindungs-Gebirge ihres gesammelten Versagens, brennen sie nicht auf dem Scheiterhaufen. Die Damen sind nicht fürs Feuer: der angepeilte Freitod als letztes Überlebensvehikel, als mögliches Mittel der großen Aufmerksamkeit, wenn doch nur ein TV-Team käme. Denn als der Tod in Gestalt der unscheinbaren Giorgina sie beim Wort nehmen will, bringen sie sie um. Und das Spiel beginnt von vorn.

Das alles ist nicht leicht zu inszenieren. Und Schirin Khodadadian hat sich bei ihrem Münchner Regiedebüt sichtlich schwer damit getan. Schon die mit gerüstartigen Podestbauten und zwei riesigen, in Plastikplanen eingebundenen Heufudern zugebaute Spielfläche scheint viel zu kompakt für den facettenreichen, sprachstarken und dabei so leicht perlenden Walser-Text. Viel zu einseitig geraten der Regisseurin die drei Frauenfiguren. Ulrike Arnold als Giorgina ist in ihren Miniauftritten zum Dauergrinsen in Kittelschürze verdonnert; ihr sonnenverbrannter Körper deutet an, dass sie das todbringende Feuer ist, weshalb sie am Ende auch von Helen unter ihren weiten Röcken erstickt wird. Vor allem an dieser mit billigem Schick und Immer-Gut-Drauf-Lächeln aufgebrezelten Helen zeigt sich, dass Khodadadian selbst gescheitert ist. Dass sie der Überpräsenz Ulrike Willenbachers nicht Herr geworden ist. Zu laut, zu grell, zu schrill, zu viel Fassade.

Ein Glücksfall für die Aufführung: Barbara Melzl. Sie spielt die Pia, die die Liebe nur aus dem Briefverkehr kennt, den sie mit lebenslänglichen Zuchthäuslern hat, als eine hinreißende Clownin. Immer auf der Lauer, den Körper schüttelnd und schlenkernd, der Sprache durch ihre Schweizer Dialektanklänge eine zusätzliche leise, trauernde Komik verpassend, gelingt es Melzl, die Szene zu beherrschen und in dem bescheidenen engen Rahmen dieser Inszenierung zur Attraktion zu werden.

Dass Walsers doppelbödiges, assoziationsreiches und hintergründiges Drama neben vielem anderen auch die tragikomische Geschichte zweier Schauspielerinnen beinhaltet, dass es etwas übers Theater und damit über die Welt erzählt, davon ist in dieser vertändelten Produktion wenig zu ahnen. Schade fürs schöne, mit viel Beifall aufgenommene Stück, für das nach dieser Uraufführungs-Regie gilt: Warten auf Genie.

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