Warum die Berühmten so berühmt waren

- Geradezu selbstmörderisch. In seiner Inszenierung der "Iphigenie" an den Münchner Kammerspielen lässt Regisseur Laurent Ché´touane für einen Moment aus dem Off die Stimme der Maria Wimmer erklingen. Schön, klar, ganz einfach und erhellend spricht sie die komplizierten Verse des Goethe-Dramas. Ein eingespieltes Zitat aus einer Aufführung von 1959. Spätestens jetzt dürfte nun auch dem letzten Zuschauer sowie den Akteuren selbst die ganze Dürftigkeit dieser neuen Produktion klar werden.

Es gibt genug Grund, der großen Maria Wimmer zu gedenken, die am 27. Januar 95 Jahre alt geworden wäre und deren Todestag sich heute zum zehnten Mal jährt. Schauspielerin Gisela Stein, die "Erbin" des Schmucks, den einst Tilla Durieux an Maria Wimmer gab und den die Stein später an Kirsten den weiterreichte, tut es mit Freude und Wehmut: "Sie war eine sehr intelligente Frau, und sie war eine typische Sächsin: mit viel Humor und der Fähigkeit, eine Sache genau, knapp und witzig auf den Punkt zu bringen. Sie machte keine Mätzchen. Sie hat nie von sich geredet. Sie machte das, was im Text steht." Leider sei sie nie mit der Wimmer zusammen auf der Bühne aufgetreten, aber sie habe sie oft genug bewundern und von ihr lernen können. Nämlich "dass das, was sie sagte und wie sie es sagte, von großem Verständnis für Sprache und Kultur war und es dennoch mit einer gewissen Leichtigkeit aus ihr herauskam".

Den größten Eindruck hatte der jungen Gisela Stein Maria Wimmer als Laura an der Seite Fritz Kortners in Strindbergs "Vater" gemacht. Und auch ihre berühmte Medea war nicht ohne Wirkung geblieben, "wenngleich ich sie damals in meinem jugendlichen Hochmut zunächst abscheulich fand. Später erst habe ich begriffen, wie außergewöhnlich gut sie in dieser Rolle war."

Selbst eine künstlerische Großmacht im Ensemble Dieter Dorns, weiß Gisela Stein sehr wohl um die Flüchtigkeit der Schauspielkunst. Sie wundert sich daher nicht, dass das Bild der Maria Wimmer in der Öffentlichkeit allmählich verblasst. Dass aber ihr Name selbst Schauspielschülern und jungen Anfängern fremd ist, findet sie schon bezeichnend für das, was sie den "großen Ramsch, den großen Ausverkauf" des Theaters nennt. "Dass unsere Kunst vergeht, ist ja gut. Doch ich denke, dass man an den Schulen darüber sprechen sollte, was es alles schon einmal gegeben hat. Man muss das nicht lehren, das wäre Quatsch. Aber ich habe mir schon die Platten angehört von Kainz und Moissi, um herauszukriegen, warum die so berühmt waren."

Ton- und Filmdokumente gibt es natürlich von Maria Wimmer, die auf den Bühnen in Wien und Berlin, Hamburg, Salzburg und immer wieder München an den Kammerspielen und dem Residenztheater zu Hause war. Schillers Maria Stuart, Tschechows Ranjewskaja, Shakespeares Lady Macbeth sowie seine Cleopatra, Becketts Winnie und die Gertrude Stein - ein Bruchteil nur ihrer die dramatische Weltliteratur umfassenden Rollenpalette.

Dass bei allem Vergessen das Erbe der Maria Wimmer lebendig bleibt, dafür hat die Künstlerin selbst gesorgt. Sie hat verfügt, dass der Großteil ihres Nachlasses in Form einer Stiftung dafür sorgen möge, in finanzielle Not geratene Schauspieler zu unterstützen und junge Menschen zu fördern. Vorstand und Kuratorium der in München ansässigen Maria Wimmer Stiftung gehören u. a. Gisela Stein, Rolf Boysen und Dieter Dorn an. (Infos: Tel. 089/ 98 35 25-26.)

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