Warum haben die jetzt gelacht? Sunnyi Melles im Interview

München - Zwei gut situierte Pariser Ehepaare wollen im Gespräch zivilisiert die Ungezogenheiten ihrer Sprösslinge aus der Welt räumen. Dass das nicht so recht klappt, verrät schon der Titel von Yasmina Rezas Komödie "Der Gott des Gemetzels".

Dieter Dorn inszeniert für sein Staatsschauspiel das Stück der französischen Autorin. Premiere ist morgen im Residenztheater. Höchste Erwartungen also; auch weil das Schauspieler-Quartett allerhand verspricht: Sibylle Canonica und Michael von Au sowie Stefan Hunstein - und Sunnyi Melles, die als Mama Annette ihren prügelnden Racker verteidigen muss.

Premiere im Residenztheater: Sunnyi Melles über das Stück "Der Gott des Gemetzels", Kinder und ihr Publikum

Bei einer Dorn-Inszenierung ist der Erwartungsdruck immer hoch. Wie geht's den Nerven?

Jetzt hat man das Ziel erreicht, und ich bin glücklich mit meinen drei Partnern Sibylle, Michael und Stefan. Reza ist wie Shakespeare. In ihrem Stück kann man sich keiner Befindlichkeit entziehen. Das ist ein Seelenstück. Man schaut sich tief in die Seele - auch in den Magen, ins Herz, in die Augen. Eigentlich hat man als Schauspieler nicht einmal eine Haut, die einen schützt. Reza verlangt das. Der Konflikt hat auf uns Schauspieler abgefärbt. Es war wie im Boxring. Wenn man wusste, es kommt ein rechter Haken, versuchte man, ihm auszuweichen. So entstand ein langer Boxkampf über viele Runden. Und Dieter Dorn war immer ein fairer Ringrichter. Das war für uns alle ein sehr kreativer Prozess.

Sie haben selbst Kinder. Waren Sie schon einmal in einer vergleichbaren Situation - entweder dass das eigene Kind verletzt wurde oder Leid zufügte?

Ja, ja. Ich versuche ein Vorbild zu sein, aber man ist selbst nicht perfekt. Wichtig ist, dass man miteinander redet. Natürlich ist die Mutterliebe da: Man will sein Kind beschützen und denkt, man ist total im Recht. Da kommt das Gespräch schnell auf die falsche Schiene. Den Zuschauern wird's genauso ergehen. Reza zeigt die Lage, ohne eine Lösung anzubieten. Es geht um menschliche Probleme - dazu gehört die Gewalt. Ich muss Meines dazutun, um die Situation zu ändern. Das heißt: Wie kann ich mich bei diesem Stück noch mehr einbeziehen? Wir wollen niemanden erziehen, aber den Zuschauern die Hand geben und sie etwas hochheben. Es gibt eine Gemeinschaft zwischen Theaterparkett und Bühne.

Gewalt von jungen Menschen wird zurzeit heftig diskutiert. Wie sehen Sie die Situation?

Nicht der Angriff ist die beste Verteidigung, sondern die Verteidigung ist der beste Angriff. Man muss den Kindern Gewaltfreiheit vorleben. Meine persönliche Investition für meine Kinder ist Bildung, Respekt und Liebe. Mein Wunsch ist, dass die Politik ebenfalls nach diesen Grundsätzen verfährt. Der Titel "Der Gott des Gemetzels" gibt ein Bewusstsein über unsere Hoffnung, es anders machen zu können, auf die Gewalt zu verzichten und unseren Humor als Überlebens-Elixier zu benützen.

Man sagt oft, Schönheit und Komik schließen sich aus. Sie sind eine schöne Frau, besitzen aber trotzdem ein hinreißendes Talent zur Komik.

Bei mir ist es die Musikalität. Die hab' ich von Vater und Mutter. Sie sagten zu mir: Timing ist das Wichtigste. Gerade bei Tragikomik kommt es auf den richtigen Zeitpunkt an. Es ist die schönste Eroberung, wenn das Publikum lacht. Vieles ist bei mir von der Musik beeinflusst. Ich mag jede Musik, auch die meiner Kinder. Sie zieht mich sogar aus der eigenen Depression heraus. Entscheidend ist, dass man lachen kann, gerade wenn die Situation ausweglos ist. Nur mit Humor kann ich überleben. Man braucht eine große Offenheit und Positivität. Ja, das Geheimnis des Humors... Ich frage mich auf der Bühne schon öfters: Warum haben  die  jetzt  gelacht?

Sie arbeiten schon lange mit Dorn zusammen. Wie hat sich dieser "Dialog" über die Jahrzehnte verändert?

Der Dieter fordert mich unentwegt. Das ist eine aufreibende analytische und kreative Arbeit. Meine Beziehung zu Dieter Dorn ist ein Sich-Hingeben - aber nur auf der Bühne. Ich weiß nicht, wie's bei ihm zuhause ausschaut über die vielen Jahre und umgekehrt. Erst die Bühne lässt die Beziehung entstehen, und es wird alles gesagt, wie im Leben. Selbst bei der größten Auseinandersetzung würde ich nie die Bühne verlassen. Der Dorn ist nie feige. Er ist gerecht, auch wenn wir Fehler machen. Dafür liebe ich ihn. Mein Herzschlag ist dem Dieter treu geblieben. Für die Treue muss man jedoch arbeiten.

Sie sind fest mit München und Ihrem Münchner Publikum verwachsen. Wie erleben Sie den Kontakt, den Austausch mit den Zuschauern?

Es ist wie im Leben: Die Zuschauer waren mir gegenüber immer ehrlich. Selbst wenn ich ihnen nicht gefalle, respektieren sie meine Arbeit. Wie ich das Publikum. Es darf alles machen: husten, schlafen, das Handy klingeln lassen, lachen, weinen. Das passiert mir ja als Zuschauer auch. Das Schlimmste ist, wenn gar keine Reaktion kommt. Man darf den Zuschauern nicht die Schuld geben: Die verstehen das nicht... Ich spiele schließlich für jemanden. Das Wichtigste - was allerdings am schwersten fällt - ist neben der Liebe die Wahrheit. Mein Wunsch, an dem ich arbeite, ist immer wahrhaftig und wahrheitsgetreu zu sein. Das ist nicht immer der bequemste Weg. Aber es macht mich glücklich.

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