Warum holt Gott gerade ihn?

Salzburg - Eine starke Buhlschaft und ein schwacher Titelheld: Der neue „Jedermann“ ist kein großer Wurf. Ein Bericht von den Salzburger Festspielen.

Jetzt hat Salzburg einen neuen „Jedermann“. Und rasch sprangen die Zuschauer nach der Premiere am Samstag auf, um im Stehen den Schauspielern sowie Brian Mertes und Julian Crouch, den Regisseuren der Neuinszenierung, zu applaudieren. Jedoch kann diese Eruption der Begeisterung nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Abend (neben einigen berührenden Bildern und manch starkem Auftritt) Schwächen hat. Dann gehen Tempo und Spannung verloren, was an der Regie liegt – und an Cornelius Obonya, der heuer erstmals die Titelrolle in Hugo von Hofmannsthals (1874-1929) Stück übernommen hat. Doch dazu später.

Auf dem Domplatz war in den vergangenen elf Jahren Christian Stückls Interpretation des „Spiels vom Sterben des reichen Mannes“ zu sehen, zunächst mit Peter Simonischek als Jedermann, dann übernahm Nicholas Ofczarek. Nun haben mit Brian Mertes und Julian Crouch erstmals in Salzburgs Festspielgeschichte ein US-Amerikaner und ein Brite das Stück inszeniert, das hier seit 1920 gegeben wird.

Die beiden wählten einen vielversprechenden Ansatz: Durch die Menge der Schaulustigen und Touristen vor dem Domplatz bahnen sich Schauspieler und Musiker ihren Weg auf die Bühne, mit großem Hallo, treibenden Rhythmen, derben Puppen und Masken im Gepäck: Die Gaukler sind da! Aus dem Volk für das Volk entwickelt sich die Inszenierung. Die Bühne vor dem Dom, die Julian Crouch entworfen hat (er ist einer der Väter des internationalen Erfolgs der „Struwwelpeter“-Adaption „Shockheaded Peter“ mit Musik der Tiger Lillies) nimmt die schaurig-charmante Rummelplatz-Atmosphäre auf: ein Bretterboden, einige in den Himmel ragende Pfosten, an denen später ein Leintuch hochgezogen wird, ein paar Modelle mittelalterlicher Häuser. Gott ist ein Kind (Florentina Rucker), das den Tod schickt, um Jedermann zu holen.

Ein spannender Auftakt also. Zumal der Tod bei Peter Lohmeyer zu einem hageren, kahlköpfigen, androgynen Wesen wird, das, gekleidet in Weiß und auf hohen Schuhen, eine bedrohliche Noblesse ausstrahlt und darob fasziniert. Doch kann die knapp zwei Stunden lange Inszenierung das Versprechen, das sie mit ihrem Beginn gegeben hat, nicht einlösen. Das liegt auch daran, dass Cornelius Obonya in der Titelrolle blass bleibt. Sein Jedermann ist kaum mehr als ein erwachsen gewordenes Kind, dem schließlich kaum einer wirklich böse sein kann. Jedermanns Egoismus, sein Glaube an die Macht des Geldes, seine daraus resultierende Hartherzigkeit – Obonya zeigt all dies mit hilflosem, aufgesetztem Lachen.

Ob beim armen Nachbarn, bei dem er knausert, oder beim Schuldknecht, der seinetwegen eingekerkert wird: Obonya spielt die Entschuldigung stets mit. Nur: Fallhöhe kann er der Figur dadurch keine geben. Unklar bleibt, warum Gott ausgerechnet an diesem Menschen ein Exempel statuieren will. Unklar bleibt auch, weshalb Jedermanns gute Werke, die er zu Lebzeiten getan hat, derart schmächtig sind. Obonya, dessen Großvater Attila Hörbiger in Salzburg einst dieselbe Rolle mit Leben füllte, hat zudem Schwierigkeiten, die Bühne in ihrer ganzen Breite in Besitz zu nehmen. Dass er obendrein oft zu druckvoll und daher unverständlich gesprochen hat, kann der Premierennervosität geschuldet gewesen sein.

Die Besetzung der Titelrolle mag nicht glücklich sein – mit Brigitte Hobmeier als Buhlschaft haben die Festspiele dagegen alles richtig gemacht: Schwungvoll radelt sie auf die Bühne, hat spätestens bei der ersten Vollbremsung die komplette Aufmerksamkeit des Publikums und fährt ihren Jedermann nicht nur beinahe über den Haufen, sondern spielt Obonya auch lässig an die Fassade des Doms. Hobmeier nutzt ihren (Kurz-)Auftritt auf den Punkt. Sexy, derb und komisch ist ihre Buhlschaft. Sie zeigt eine selbstbewusste junge Frau, erotisch, voller Lust aufs Leben und auf die Liebe: eine Frau, die weiß, was sie will, und sich nimmt, was sie braucht. Ihren Jedermann zieht sie sich gierig zwischen ihre gespreizten Beine – woraufhin der ohnmächtig wird. Es ist nicht das erste Mal, dass man sich fragt, was eine solche Frau an diesem Typen findet. Wohlgemerkt: Hobmeier trifft keine Schuld. Das Problem liegt bei Obonya und den Regisseuren, die spätestens in dieser Szene ihren Hauptdarsteller mit Testosteron hätten vollpumpen müssen.

Doch das Duo Mertes und Crouch hat auch in anderen Szenen nicht unbedingt eine glückliche Hand. Am Ende sucht Jedermann Rettung beim Glauben. Hans Peter Hallwachs sitzt auf einem Stuhl, der meterhoch überm Domplatz an einer steil aufgerichteten Bretterwand befestigt ist. Man mag darüber streiten, ob es sinnvoll ist, ihn derart zu entrücken, dass Jedermann ständig den Kopf in den Nacken legen muss. Oder ob es nicht gerade eine Stärke dieses Dramas ist, dass die Allegorien in Personengestalt mit den Menschen verhandeln.

Unfreiwillig komisch wird diese Szene jedoch, als der Glaube Jedermann im Wortsinn von Sünden reinigt und Hallwachs aus einer Schüssel zwischen seinen Beinen Wasser herabplätschern lässt. Ein fatales Bild, das den Regisseuren offenbar entgangen ist. Es zeigt einmal mehr, dass sich die beiden vor allem beim Inszenieren der Massenszenen wohlgefühlt haben. Das ist umso bedauerlicher, da auch Simon Schwarz als Teufel und vor allem Jürgen Tarrach als Mammon ihre Auftritte individuell stark gestalten. So beeindruckt der neue Salzburger „Jedermann“ mit einzelnen Leistungen. Der große, stimmige Wurf ist diese Inszenierung jedoch nicht.

Michael Schleicher

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bis 30. August (ausverkauft), Restkarten eventuell unter Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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