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Christian Thielemann

Warum?

München - Nach der Japan-Reise der Münchner Philharmoniker mit ihrem scheidenden Chef Christian Thielemann bleibt die Frage nach dem "Warum?"

Meistens funktioniert es ja. Dieses erfüllte Musizieren auf hohem Profi-Pegel, verschmerzbare Schmutzflecken inklusive. Bei Beethovens Fünfter oder Brahms’ Violinkonzert zum Beispiel. Doch dann gibt es eben auch die anderen Momente. In einem bestechend musizierten, drogenhaft rauschenden „Meistersinger“-Vorspiel zum Tourneeabschluss in Tokio. Oder besonders in Bruckners achter Symphonie. Ein Einverständnis jenseits der hundert Prozent ist da spürbar, ein Eins-Sein, ein gemeinsames Atmen, Fühlen und Genießen. Den Zuhörern in der Minato Mirai Hall von Yokohama verschlägt’s darob nicht nur während der 100 Bruckner-Minuten das Husten und Räuspern. Auch danach traut sich erst nach bangen Schweigesekunden der erste Klatschfreudige, den Jubel auszulösen.

Flitterwochenstimmung. Und das 16 Monate vor der Scheidung: Die schizophrene Situation der Münchner Philharmoniker – sie ist auf der Japan-Tournee geradezu schmerzvoll erlebbar. „Wie war’s?“, das wäre also die falsche Frage nach diesen zehn Tagen. Denn dummerweise schiebt sich ein riesiges „Warum?“ vor den künstlerischen Erfolg: Warum musste die Ehe mit Christian Thielemann zerbrechen? Warum um Himmels willen war kein gemeinsamer Nenner jenseits der Konzerte mehr zu finden? Naturgemäß kommen beide Seiten, auch wenn sie ähnlich emotional agieren, zu unterschiedlichen Ergebnissen. Obgleich alles mit Thielemanns Dresdner Unterschrift geklärt sein müsste: Diskutiert wird die Frage ständig.

In den Hotelfoyers, beim Essen etwa in der Futtermeile von Nagoya oder beim fast noch lebenden Sushi in einem Restaurant am Fluss von Fukuoka. Und manchmal, wenn die eine Seite mal wieder vom Hintergrundgespräch der anderen erfahren hat, schwappt alles ins Öffentliche. So wendet sich Thielemann Minuten vor Konzertbeginn in Fukuoka ans Orchester: Dass „hier einige“ drohten, nach seinem Abgang ein Fass aufzumachen, halte er für höchst unglücklich. Und dass zuvor bei der Probe in Nagoya Wolfgang Lippstreu vom Münchner Kulturreferat eine höchst unglückliche Figur macht, als er vor dem Orchester einen Anti-Maazel-Zeitungskommentar kritisiert, zeigt: Die Gäule gehen gern durch. Wer die Philharmoniker in diesen Tagen begleitet, lernt ein sehr heterogenes Orchester kennen. Da gibt es die Thielemann-Fans, das Gros der Diffusen, die vernünftig Abwägenden und eben jene paar Lautsprecher-Träger, die alles andere leider überdröhnen.

Ein „unregierbares Orchester“ also, wie ein Münchner sagte? Es hapert eher an der Selbstreflexion – städtische Vertreter eingeschlossen. Noch immer glaubt man sich in der Champions League. Ein Selbstbewusstsein, mit dem aber das Können nicht immer Schritt hält. Kritik von außen wird oft als ungehörig empfunden, von innen als Gängelung durch den Chef – und ein Urlaubsantrag vor Tourneen, um bei anderen Orchestern auszuhelfen, sogar als normal. Trotz alledem: War’s ein japanischer Erfolg? Zweifellos. Vor allem dank der zentralen beiden Bruckner-Konzerte mit der Achten. Eine Interpretation, die sich im Saal von Yokohama wesentlich besser aufgehoben fühlte, wo die Musik Raum zum Atmen hatte, als in der knallig-kalten Akustik der Acros Hall zu Fukuoka – das allerdings zur Freunde der philharmonischen Flaneure bereits in vollster Kirschblüte steht. Vadim Repin absolviert zwar Brahms’ Violinkonzert dreimal mit ungerührter, auch gefährdeter Virtuosität.

Doch das Tournee-Finale in der Wunderakustik von Tokios Suntory Hall führt noch einmal vor, wie absurd diese Scheidung ist. Beethovens Fünfte rast in einen irrwitzigen letzten Satz. Die „Tannhäuser“-Ouvertüre zu Beginn ist sensationell. Und als Zugabe wie so oft das „Meistersinger“-Vorspiel – jener Hit, der Thielemanns Zusammenarbeit mit den Münchnern anlässlich eines Wiener Konzerts beschließen soll. Dass der Star über die Querelen hinweg ist, weil der Super-Job in Dresden winkt, lässt sich nicht behaupten. Man muss Thielemann auf der Tournee nur auffordernd genug anschauen, schon bricht es aus ihm hervor: „Ich wollte ja mit denen auf den 8800-Meter-Berg“, beteuert er im Hotelfoyer in Tokio, während draußen passenderweise ein Schneeschauer niedergeht. Harte Vorwürfe fallen, weil sich das Orchester gern gehen lasse. Und wer sieht, wie die Musiker auf die Bühnen schlurfen, um gleich Platz zu nehmen, anstatt den Dauerbeifall der Japaner stehend entgegenzunehmen, ahnt, was Thielemann alles erbost. Doch auch selbstkritische Töne mischen sich in seine Tirade. Vielleicht habe er beim „Rosenkavalier“ zu viel verlangt. Vielleicht habe er auch manches nicht gut kommuniziert. Welchen Vorwurf er indes nicht akzeptiert: dass die Münchner bei ihm nicht die erste Geige spielten.

Ohne den Bruch wäre einiges auf sie zugekommen. Im Herbst 2011 die immer geforderte Festival-Tournee. Auch das ZDF-Silvesterkonzert, zudem Opern in Baden-Baden. Bruckner und „Elektra“ gibt’s auf DVD, das Brahms-Requiem bald auf CD sowie Strauss-Lieder mit Diana Damrau: „Sagt mir, welcher Dirigent mit seinem Orchester mehr aufnimmt?“ Einen gibt es ab 2012: Thielemann am Pult der Dresdner Staatskapelle. Noch einmal der komplette Bruckner auf Silberscheiben, das ist schon bitter für die Münchner. Auch Schumann, Brahms-Klavierkonzerte mit Pollini, die Baden-Badener Opern: ein Riesenpaket. Thielemann total. Da wundert es wenig, dass beim Konzert in Tokios Suntory Hall einer seinen Triumph kaum verbergen kann: der Dresdner Orchesterdirektor Jan Nast.

VON MARKUS THIEL

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