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Hat jeder Deutsche im Garten: Gartenzwerge. Das ist eines von vielen Klischees, das über die Menschen zwischen Zugspitze und Flensburg kursiert.

Kompliziertes Vaterland

Was ist eigentlich "typisch deutsch"?

München - Es ist ja oft von deutschen Tugenden die Rede, von deutscher Identität. Hundertausende Flüchtlinge werden gerade gebeten, sich doch bitte mit hiesigen Sitten und Bräuchen vertraut zu machen, sprich: sich zu integrieren. Aber was ist das eigentlich „deutsch sein“? Eine historische Spurensuche.

„Typisch deutsch“? Wer hat das nicht schon gehört. Gemeint kann damit vielerlei sein: Die Landschaft im Schwarzwald oder Harz, Mülltrennung und Strandkörbe, die Farben Schwarz-Rot-Gold, Fachwerkhäuser, Christbaum und Gartenzwerge, Breze und Bratwurst. Auch Eigenschaften wie Effizienz, Disziplin und Organisation gelten als typisch deutsch, ja „deutsche Tugenden“.

In seiner ältesten Bedeutung ist „deutsch“ ein Sprachname, erstmals belegt im Jahr 786, zur Zeit der Herrschaft Karls des Großen, in der latinisierten Formtheodiscus, was bedeutete „dem Volke eigen“. Gemeint waren damit die germanischen Volkssprachen im Osten des fränkischen Reiches, im Unterschied zu den romanischen Volkssprachen im Westen und der Bildungs- und Gelehrtensprache Latein. Als Sprachname wird „deutsch“ bis heute durchgängig verwendet. Allerdings heißen nicht mehr alle deutschen Muttersprachler „Deutsche“, wie dies bis Mitte des 19. Jahrhunderts üblich war.

Das Wort Deutschland setzt sich erst im 17. Jahrhundert durch

Sprachnamen dienen oft auch als Volksnamen. Der Volksname „deutsch“ taucht zum ersten Mal im althochdeutschen Annolied (um 1080) auf: diutischin liuti – „deutsche Leute“ als Oberbegriff für die verschiedenen Stämme (Alemannen, Bayern, Sachsen usw.) des ostfränkischen Reiches. Ebenfalls im Annolied ist dreimal die Rede von den „deutschen Landen“, sozusagen den Deutschländern. Das Wort Deutschland in der Einzahl ist vor 1600 nur vereinzelt belegt und setzt sich erst im Laufe des 17. Jahrhunderts durch. Deutschland war damals ein unscharfer geographischer Begriff für das deutsche Siedlungsgebiet in Mitteleuropa, ohne politischen Identifikationswert. Dieser vorpolitische Deutschlandbegriff kommt auch in folgender Äußerung zum Ausdruck, die der Dialektforscher Johann Andreas Schmeller in seinem Bayerischen Wörterbuch (1827) unter dem Stichwort „Deutscher“ anführt:

Mia ham an Franzosn im Quartier, dea is deidsch

Gemeint ist wohl ein Elsässer im napoleonischen Heer, der Deutsch sprach und deshalb von dem bayerischen Bauern, bei dem er einquartiert war, als „Deutscher“ bezeichnet wurde. Der national gesinnte Schmeller tadelt diesen Wortgebrauch: „Noch ist’s unserm gemeinen [= einfachen] Mann lediglich die Sprache, was einen Deutschen ausmacht.“ Der gemeine Mann verstand bis Mitte des 19. Jahrhunderts auch unter „Vaterland“ nicht Deutschland, sondern die engere Heimat oder seinen deutschen Heimatstaat. Entsprechend heißt es noch in dem 1860 entstandenen Lied „Für Bayern“ (heute Bayernhymne): Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland!

Schmeller, 1785 im oberpfälzischen Tirschenreuth geboren, gehörte einer Bildungsgeneration an, für die Deutschland im doppelten Sinne zum „Vaterland“ wurde: kulturell und politisch.

Helmut Berschin ist emeritierter Professor für Romanistik. Er lebt in Regensburg und Tutzing.

In der Goethezeit, zwischen 1770 und 1830, bildete sich mit dem Aufblühen der deutschen Literatur, Philosophie, Kunst und Wissenschaft ein gesamtdeutsches Kulturbewusstsein aus, die „Kulturnation“. Die französische Kultur – bis Mitte des 18. Jahrhunderts sprach man an den deutschen Höfen Französisch, und die Hoftheater spielten französische Stücke – verlor ihre Vormachtstellung. Der Aufstieg der deutschen Kultur ging aber einher mit einem politischen Abstieg der deutschen Staatenwelt, die um 1800, im Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons, unter französische Herrschaft kam.

In den Kriegen 1813 bis 1815 schlug in der Bildungsschicht, vor allem bei der Jugend, das kulturelle Deutschlandbewusstsein in ein politisches um: Die Kulturnation Deutschland sollte – wie Frankreich – auch eine Staatsnation bilden und nicht einen Flickenteppich aus Fürstentümern. Dieses politische Ziel erfüllte sich nicht: Auf dem Wiener Kongress, der 1815 nach der Niederlage des napoleonischen Frankreich die Machtverhältnisse in Europa neu ordnete, wurde der geographische Raum Deutschland nur in einer lockeren politischen Einheit organisiert, dem Deutschen Bund, bestehend aus 39 Mitgliedstaaten. Das, wie man damals sagte, „große/gemeinsame/allgemeine Vaterland“ wurde nicht geschaffen, kam aber als „deutsche Frage“ auf die politische Tagesordnung – für ein halbes Jahrhundert.

Schließlich wurde die deutsche Frage durch Preußen unter Führung Bismarcks beantwortet, in zwei kurzen und lokalen Kriegen. 1866, im – wie die Zeitgenossen sagten – „Deutschen Krieg“, entschied Preußen den Streit um die Vorherrschaft in Deutschland für sich: Es besiegte Österreich und seine Verbündeten (darunter Bayern) und vereinigte die deutschen Staaten nördlich der Mainlinie zum „Norddeutschen Bund“. Vier Jahre später, 1870, traten die süddeutschen Staaten Bayern, Baden und Württemberg an der Seite Preußens in den Krieg gegen Frankreich und schlossen sich staatsrechtlich dem Norddeutschen Bund an. 

Mit der Entlassung Bismarcks endet die Friedenspolitik

Der neue Staat, dessen Staatsoberhaupt der preußische König als „Deutscher Kaiser“ wurde, erhielt den Namen „Deutsches Reich“, in Kurzform: Deutschland.

Die Deutschen hatten nun eine Staatsnation. Im Zuge der Industrialisierung und eines starken Bevölkerungswachstums wurde der deutsche Nationalstaat zur stärksten Wirtschafts- und politischen Macht Kontinentaleuropas. Reichskanzler Bismarck setzte diese Macht für eine konsequente Friedenspolitik ein:

Mein ideales Ziel, nachdem wir unsre Einheit innerhalb der erreichbaren Grenzen zu Stande gebracht hatten, ist stets gewesen […], dass die deutsche Politik, nachdem sie die Zersplitterung der Nation gut gemacht hat, friedlich und gerecht sein will.

Mit Bismarcks Entlassung, 1890, endete diese Friedenspolitik. Unter Kaiser Wilhelm II. versuchte Deutschland Weltmacht zu werden, was letztlich zum 1. Weltkrieg führte. Deutschland verlor den Krieg, blieb aber, wenn auch territorial geschmälert, in seiner Staatlichkeit erhalten. Ein zweiter Griff nach der Weltmacht, im Dritten Reich, endete in der Katastrophe des 2. Weltkriegs, der das Land und dessen Staatlichkeit zertrümmerte. Deutschland wurde von den Siegermächten Frankreich, Großbritannien, USA und Sowjetunion in vier Besatzungszonen geteilt. 1949, im Zuge des weltpolitischen Ost-West-Konfliktes, entstanden daraus zwei Staaten: In den westlichen Zonen die Bundesrepublik Deutschland, in der sowjetischen Zone die Deutsche Demokratische Republik.

Beide Staaten hatten zunächst ein gesamtdeutsches Ziel, die „Wiedervereinigung“. Ende der 1950er-Jahre gab die DDR dieses Ziel auf und machte die deutsche Zweistaatlichkeit zur Staatsdoktrin. Die Bundesrepublik hielt zwar am Verfassungsgebot der deutschen Einheit fest, aber es verbreitete sich die öffentliche Meinung, die Teilung sei nicht nur faktisch gegeben, sondern auch geschichtlich notwendig, gut und endgültig. Das Wort Wiedervereinigung wurde deshalb zur politischen „Lebenslüge“ erklärt und kaum noch verwendet.

1960 hatte der damals angesehenste deutsche Philosoph Karl Jaspers die Forderung nach Wiedervereinigung als geschichtlich überholt bewertet:

Die Geschichte des deutschen Nationalstaates ist zu Ende, nicht die Geschichte der Deutschen.

Rückblickend beging Jaspers einen Denkfehler: Die Deutschen nach 1945 waren ja nicht, wie im 18. Jahrhundert, eine vorpolitische Bevölkerung, sondern ein Staatsvolk, eine politische Nation, die sich seit der Reichsgründung 1870 in drei Generationen geformt hatte. Dass diese Nation wieder einen Staat bilden würde, war nur eine Frage der weltpolitischen Umstände: 1989/90 kam die geschichtliche Gelegenheit und traf auf einen Bundeskanzler, Helmut Kohl, der sie nutzte.

Der deutsche Nationalstaat konnte dann in der Rekordzeit von elf Monaten wieder entstehen, weil es – im Unterschied zum Einigungsprozess der Europäischen Union – politisch nicht darum ging, verschiedene Völker zu vereinigen, sondern zwei Teile desselben Staatsvolkes.

Die SPD erwähnt die "Deutschen" kein einziges Mal

Wer sind heute „die Deutschen“? Rechtlich gesehen die 75 Millionen deutschen Staatsangehörigen der 82 Millionen Einwohner Deutschlands, also das Staatsvolk. Was hält diese 75 Millionen zusammen, allgemeiner gefragt: Wodurch wird eine Bevölkerung zur politischen Nation?

Der französische Historiker Ernest Renan hat darauf 1882 in einer Rede „Was ist eine Nation?“ eine noch heute gültige Antwort gegeben: Entscheidend sei nicht die gemeinsame Sprache und Kultur der Bevölkerung (die Schweiz hat vier Sprachen und Kulturen), auch nicht deren Religion oder Abstammung, sondern ihr politischer Wille, die Zukunft solidarisch in einem Staat zu gestalten. Dieser Wille müsse sich stets neu erweisen, insofern sei die Nation eine „alltägliche Volksabstimmung“.

Geht diese Abstimmung negativ aus, scheitert die Nation. Das Ergebnis kann dann Bürgerkrieg sein, die Abspaltung von Landesteilen, die „innere Kündigung“ der Staatsbürger oder deren – im Zeitalter der Globalisierung relativ einfache – Abwanderung.

Eine funktionierende Nation ist also keine Selbstverständlichkeit. Trotzdem ist in der deutschen Politik vom Staatsvolk, den Deutschen, kaum die Rede: Zum Beispiel werden im „Regierungsprogramm 2013-2017“ der SPD auf 120 Seiten kein einziges Mal die „Deutschen“ erwähnt, aber mehr als hundert Mal die „Menschen“. Nun sind auch die Deutschen Menschen, aber nur jeder hundertste Mensch ist ein Deutscher.

Ein Regierungsprogramm für Deutschland, in dem sprachlich keine Deutschen vorkommen – auf ausländische Beobachter wirkt das merkwürdig. Aber vielleicht ist es nur „typisch deutsch“: Schon der Philosoph Immanuel Kant bescheinigte dem deutschen Volk einen „guten Charakter“. Man kann ihm also politisch viel zumuten; denn „der Deutsche fügt sich unter allen zivilisierten Völkern am leichtesten und dauerhaftesten der Regierung, unter der er ist“.

Helmut Berschin

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