"Was sich nicht erneuert, verfault"

- München - Ein Schauspieler. Und natürlich hat er sich für seinen ersten großen Auftritt in Bayerns Landeshauptstadt dezent kostümiert: weiß-blau die feine Streifenkrawatte. Klaus Bachler (54) spielt hervorragend die Hauptrolle in dem aktuellen Stück von Kunstminister Thomas Goppel, das da heißt: Es lebe der neue Intendant der Bayerischen Staatsoper.

<P class=MsoNormal>Bei der offiziellen Präsentation des Lieblingsfavoriten Bachler machte der jedenfalls schon einmal besten Eindruck. Und mit seinem Charme ließ der Österreicher und derzeitige Direktor des Wiener Burgtheaters fast vergessen, dass es derzeit zwei designierte Opernchefs gibt: neben ihm nämlich noch Christoph Albrecht, der ebenfalls im Besitz eines gültigen Vertrages für dieses Amt ist, mit dem sich aber der Freistaat in Verhandlungen um Auflösung des Vertrages befindet. Albrechts Anwalt jedoch ließ gestern wissen: Sein Mandant sei nach wie vor "willens, bereit und in der Lage" sein Amt wie vorgesehen am 1. September 2006 anzutreten. Natürlich, juristische Raffinesse.</P><P class=MsoNormal>"Eine italienische Balkanmischung."<BR>Klaus Bachler über sich selbst</P><P class=MsoNormal>Es geht schließlich um viel Geld, das der Staat dem nunmehr ungeliebten Albrecht als Abfindung wird zahlen müssen. Dem neuen Mann ist das alles nicht anzulasten. Da er erst ab der Spielzeit 2008/09 nach München kommen wird, ficht ihn die rechtliche Auseinandersetzung Albrecht/Goppel nicht an: "Die ganze Vergangenheitssituation darf mich nicht interessieren. Man muss in die Zukunft schauen."</P><P class=MsoNormal>Und so schwungvoll wie Klaus Bachler sich jetzt als kommender Opernchef präsentierte, kann man vorab schon einmal froh sein über die geglückte Kür. "Es gibt relativ viele Parallelen zwischen Österreich und Bayern. Eine davon ist die, dass Dinge, die als Neuigkeiten verkündet werden, schon jedermann vertraut sind", sagt Bachler, der damit anspielt auf die, wenn auch unbestätigte Vorabmeldung, dass er Nachfolger von Peter Jonas werden würde.</P><P class=MsoNormal>Was reizt den Erfolg verwöhnten und von vielen großen Häusern immer wieder umworbenen Bachler, nach 17 Jahren Wien zu verlassen? "Die Stadt und der Zustand des Hauses. Ich habe einen außergewöhnlichen Eindruck von München. Die Stadt kann in jeder Kunstgattung sich mit allen Metropolen der Welt vergleichen." Und was die Theater betrifft: "Ich kenne keine Stadt, in der es so unterschiedliche, polarisierende Ensembles gibt - die beiden Opernhäuser, Residenztheater, Kammerspiele und Christian Stückl mit seinem Volkstheater. Es macht große Lust, hier zu arbeiten."</P><P class=MsoNormal>Zwei Gründe nennt Bachler, die ihm die Entscheidung für München leicht gemacht haben. Erstens habe man hier irgendwann erkannt, dass mit Militär und Politik nicht ein solcher Stand erreicht werden könne wie mit der Kultur. Und zweitens: "Es gibt nichts Besseres für einen neuen Intendanten, als ein starkes, gut funktionierendes Haus zu übernehmen", wo man die klare Handschrift fortschreiben und zugleich kontraproduktiv wirken kann. "Man muss nicht das Rad neu erfinden, man muss den Fluss in Bewegung halten."</P><P class=MsoNormal>Konkretes war dem zukünftigen Opernchef noch nicht zu entlocken. Aber zwei Dinge bekannte er schon jetzt. Zum einen, dass er das Repertoiresystem als "unabdingbar für die Heranbildung des kulturellen Geistes einer Stadt mit Zähnen und Klauen zu verteidigen bereit" sei. Zum andern, dass sich Theater "immer aus einer Persönlichkeit ableiten lasse", also aus seiner. Bachler: "Jeder ist von seiner Biografie her anders. Ich bin südöstlicher Herkunft, so eine italienische Balkanmischung. Mein Katholizismus ist mehr im Barocken angesiedelt als bei den Benediktinern. Mein Zugang zum Theater ist ein sehr emotionaler, sinnlicher, vielleicht auch ein bisschen ein schlampiger, spielerischer."</P><P class=MsoNormal>Zum Spielplan: "Da gehen wir von der gesamten Opernliteratur aus. Ich bin eher ein Evolutionär als ein Revolutionär. Ich glaube, dass am Theater die Erneuerung immer das Wichtigste ist. Ein Institut, das sich nicht erneuert, verfault. Trotzdem haben wir das Repertoire vergangener Jahrhunderte. Daher kommt es auf die szenische und musikalische Rezeption und Interpretation an."</P><P class=MsoNormal>Und die Moderne? "Das Repertoire", so Bachler, "wird nicht vom 20. Jahrhundert bestimmt. Es handelt sich nicht um eine Spezialbühne, sondern um ein Nationaltheater. Mein Interesse am Heute ist groß. Zeitgenössisch ist man aber nicht nur in der Kreation, sondern genauso in der Interpretation."</P><P class=MsoNormal>Die Schwerpunkte, die man in Zukunft setzen will, werden sich ergeben aus dem Zusammenspiel mit Generalmusikdirektor Kent Nagano: "Wir sind uns in vielem sehr einig."</P><P class=MsoNormal>Befragt, ob einige der laut Goppel hervorragenden Regisseure, die jetzt bei ihm am Burgtheater arbeiten, auch vorstellbar an der Bayerischen Staatsoper wären, sagt Bachler: "Ich kann mir alles vorstellen. Von all den Leuten, die der Minister meint, habe ich jedenfalls die Telefonnummer."</P>

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