"Was wagst du da!"

- Spätberufener, das trifft besonders auf diesen Sänger zu: Peter Klaveness arbeitete rund 20 Jahre als Physiker, bevor er zur Oper wechselte. Der Bassist stammt aus Washington D.C, wuchs in Norwegen auf und ging wieder zurück in die USA. Sein erstes größeres Engagement war in Augsburg - als Hagen in der "Götterdämmerung", eine Partie, mit der er jetzt bei den Bayreuther Festspielen debütiert hat. Klaveness lebt in Berlin und ist dort Ensemblemitglied der Deutschen Oper.

<P>Sie sind ein völlig anderer Typ als ihr Vorgänger John Tomlinson. Wurde erheblich nachgearbeitet? <BR>Klaveness: Konzeptmäßig nicht. Ich bin wie John ein spielfreudiger Sänger. Natürlich ein anderer Typ - allein die Frisur! John ist breiter, bulliger, einige Variationen, auch beim Kostüm, gab es dadurch schon. Ich bin kein stabiler Schrank wie etwa Matti Salminen, ich muss mich mit Bewegung und Finesse durchsetzen. An sich ist der Charakter Hagens klar: ein gefährlicher Mann, ein Manipulator. Und damit ist er vielen in unserer Gesellschaft sehr ähnlich, die auf ihren ökonomischen Vorteil bedacht sind. In jedem steckt ein kleiner Hagen - sei es, dass er nur die Krankenkasse oder das Finanzamt betrügt. </P><P>Kein "Schrank": Dann passen Sie also nicht ins Bass-Schema?<BR>Klaveness: Bässe gibt es in allen Größen und Formen. Die meisten sind ursprünglich lang und dünn, irgendwann werden sie halt lang und dick (lacht). </P><P>Haben Sie gleich auf Wagner-Gesang zugesteuert? <BR>Klaveness: Nein, in den USA, wo ich mich ausbilden ließ, ist das kaum gefragt. Als der Augsburger Theaterchef Helge Thoma nach New York kam und Sänger für seinen "Ring" suchte, wurde er auf mich aufmerksam. Mir hat Wagner wenig gesagt, ich schlug einfach Hagen vor. Als der Vertrag kam und ich die Partitur sah, mir auch eine MET-Aufzeichnung anschaute, dachte ich mir: Um Gottes willen, was wagst du da! So kam ich 1997 nach Deutschland - zum ersten Mal in meinem Leben war ich "nur" Sänger.</P><P>Sie haben eine Vergangenheit als Physiker. Warum der Sprung zur Oper? <BR>Klaveness: Musik war immer meine Leidenschaft. Ich spielte gern Klavier, auch Cello. Trotzdem konnte ich lange nicht meine Bedürfnisse einschätzen. 20 Jahre lief ich mit Aktenköfferchen durch die Welt. Ich hatte eine technische und eine musische Begabung. Mein Gymnasial-Rektor riet mir damals zum Akustiker, das wurde ich dann. Vier Jahre lang besaß ich sogar eine eigene Firma, entwarf Säle in den USA und Neuseeland. Ich war sicher ein guter Ingenieur. Ich hatte sehr früh geheiratet, früh Kinder gehabt, brauchte also - wegen der Verantwortung - einen sicheren Job. Doch irgendetwas stimmte nicht in meinem Leben.</P><P>Bereuen Sie es, dass Sie so spät Berufssänger wurden? <BR>Klaveness: Solche Dinge passieren eben. Viel früher wäre das aufgrund meiner Verpflichtungen nicht gegangen. Der Sprung kam, weil ich nicht mehr konnte und wollte. Ich meldete mich zum Opernchor in Sacramento, ohne Gesangsstunden oder -technik. Und auf einmal hatte ich so viel Spaß, da studierte ich ab 1988 Gesang parallel zum Job. Der Chor war eben meine Opernhochschule. Ab 1995 habe ich überall vorgesungen, fand sogar eine Agentur. <BR>Hagen in Bayreuth: Dann sind Sie demnach am Ziel . . . <BR>Klaveness: Das könnte man sagen, auch wenn ein Sänger nie am Ziel ist. Ich bin eher ein Prozessmensch. Mein Ziel war, dass ich durchs Singen meinen Lebensunterhalt verdiene und mit anderen Musikern zusammenarbeiten darf. Irgendwie spürte ich, dass ich, das soll jetzt nicht arrogant klingen, in so ein Haus gehöre. </P><P>Wenn Sie ein Prozessmensch sind: Könnten Sie den Sängerberuf wieder an den Nagel hängen?<BR>Klaveness: Jeder Sänger macht sich Gedanken über die Zeit, wenn Energie und Technik nachlassen. Ich unterrichte sehr gern. Ich peitschte mich als Kopfarbeiter so viele unglückliche Jahre durch, hatte einen richtigen Burn-out. Das Singen gab mir dann neue Kräfte. Wäre doch schade, wenn ich die wieder verliere . . .</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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