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Visionen im Seelenraum: Szene mit Sarah Maria Sun, Sebastian Hübner und der Schola Heidelberg.

„Wasser“ von Arnulf Herrmann in der Muffathalle

München - Es ist der Höhepunkt der Münchener Musiktheater-Biennale: „Wasser“ von Arnulf Herrmann in der Muffathalle: Lesen Sie hier die Uraufführungskritik:

Eine Jalousie in einem Zimmer. Doch nicht das Licht des Tages schirmt sie ab, sie ist eine Barriere zu anderem. Und wer die Schwelle wie Robert übertritt, findet sich – ja wo eigentlich wieder? Vor allem bei sich. Bei Katja, der Frau, die er verloren hat. Bei nicht Doppel-, sondern Vierfachgängern. In einer Konfrontation mit Erlittenem und Gedachtem. Im Parallel-Universum, wo Vergangenes und Traumata zu Raum und Personen werden. Und wo die Naturgesetze der Musik aufgehoben, Rhythmen und Entwicklungen wie aus dem Leim gegangen sind, eine eiernde Platte mit dem nicht ganz mittigen Loch ist da nicht nur Klangerzeuger, sondern vielsagendes Symbol.

Welch Festival-Dramaturgie also. Knapp zwei Wochen auf allerlei Klangspielwiesen mussten vergehen, bis Münchens Biennale mit „Wasser“ ihre Vorzeige-Produktion hat. Der Titel ist keine Ortsbestimmung, sondern Ausdruck des Ungreifbaren, Unbewussten. Ein Abend, der von verlorener Liebe erzählt und in dem alles symbiotisch ineinandergreift. Die nachvollziehbare Musiksprache von Arnulf Herrmann, die lyrischen Konzentrate von Librettist Nico Leutge und die Inszenierung von Florentine Klepper, die nicht deutungswütiger Eigenwert sein will, sondern Erhellung und sinnliche Vermittlung dieser 65 Minuten.

Es ist der alte Kafka-Kniff, den Herrmann und Leutge anwenden: So benommen, wie Antiheld Robert durchs Unwirkliche tappt, so irritiert sieht sich schließlich auch der Ersthörer mit neuer Musik konfrontiert. Die perfekte Bezugsperson also, mit der sich’s in der Avantgarde ein Stück leichter leben lässt. Herrmanns Visionen sind dabei nicht unbedingt visionär. Viele Vokalintervalle und -linien erinnern an eine Art verfälschtes Dur: Als ob sich die Musik wie Robert nach Vergangenem, Verlorenem sehnt, zu dem sich doch nie wieder zurückkehren lässt, so klingt „Wasser“. Wie sein Librettist arbeitet Herrmann mit Materialverknappung und Repetitionen. Es gibt wiederkehrende Intervalle, fast leitmotivische Strukturen, häufig auch zur Kenntlichkeit verfremdete Rhythmen wie ein synkopisch-störrischer Walzer in der Szene der beiden Hauptfiguren. Im „Seestück“, der fünften der 13 Szenen, singt ein Tenor vom Traumwandeln im Wald und lässt Romantisches widerhallen. Und vor allem ist diese Musik durchsetzt von gleitenden, eben „eiernden“ Tonhöhen, die dank subtil eingesetzter Technik auch durch den Raum der Münchner Muffathalle wandern. Nur selten, in Momenten extremer Traumatisierungen, verdichtet sich diese Musik zu dissonanten, schreienden Gebärden. Herrmanns Kunst sucht sich ihre Wirkungsfelder im Kleinen, Subtilen, Suggestiven. „Wasser“, das ist keine Partitur des Experiments, sondern das Werk eines selbstbewussten, reifen Tonschöpfers – im Unterschied zu den anderen Biennale-Kollegen ist sich Arnulf Herrmann seiner Mittel schon sehr sicher.

Das grandiose Ensemble Modern, von Hartmut Keil gelotst, ist da bestmöglicher Partner, auch wenn andere Komponisten das führende Orchester der Avantgarde schon intensiver beschäftigten. Bariton Sebastian Hübner (Robert) und Sarah Maria Sun (Katja) leben ihre Partien förmlich – wobei die Sopranistin die Extremhöhen mit einer Art kontrollierten Rücksichtslosigkeit singt. Die Verschmelzung von Gesang und Instrumentenklang, oft als unmerklicher Übergang gedacht, glückt stufenlos. Allein das zeigt, wie viel effektive Probenarbeit in den vergangenen Wochen geleistet wurde.

Im Seelenraum und auf wasserspiegelglänzender Spielfläche vollziehen sich Roberts Visionen. Eine Bühne (Adriane Westerharkey), die in ihrem Furnierholzschick, mit 50er-Jahre-Sofa, Aquarium und riesigen Saiten, die vertikal gespannt sind, auch in ihrer vielsagenden Offenheit aus der Werkstatt Anna Viebrocks stammen könnte. Florentine Klepper schafft dabei ein Ineinandergreifen von konzertanten Situationen und somnambulen Spiel. Sehr genau erfühlt die Regisseurin die „Temperatur“ von Herrmanns Musik und setzt Videos (Herta Multanen) nur als sachte atmosphärische Verstärker ein. Mag sein, dass „Wasser“, das mit der Oper Frankfurt koproduziert wurde, in anderen Biennale-Durchgängen nicht diese Wirkung entfaltet hätte. So aber ist in den 65 Minuten zweierlei zu spüren: Spannung – und Erleichterung. Endlich Theater.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen: Freitag und Samstag; Telefon 0180/ 54 81 81 81.

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