Wasser, Berg und Blauer Reiter

Kochel - Das lässt sich mit hundertprozentiger Sicherheit schon jetzt vorausssagen: Die Besucher aus dem Umland, aus München und jene, die als Touristen nach Oberbayern kommen, werden auf ihrem Weg ins Buchheim-Museum in Bernried und zum Gabriele-Münter-Haus in Murnau ab dem 22. Juni 2008 die Reise über Kochel machen müssen. Denn an diesem Tag wird der Neubau des Franz Marc Museums eröffnet. Die Gemeinde Kochel am See ist um eine Attraktion reicher.

Selbstbewusste Bescheidenheit: In Kochel am See

wurde der Neubau des Franz Marc Museums übergeben

Bereits 1986 wurde hier von der Franz Marc Stiftung das einstige Wohnhaus des Künstlers (1880-1916) und Mitbegründers des Blauen Reiter zum Museum gemacht. Schon damals mit der Idee, dieses Haus eines Tages um ein zweites zu ergänzen. Jetzt ist es soweit: Gestern wurde damit begonnen, den sehr gelungenen Neubau des Züricher Architekten Alois Diethelm (38) einzurichten mit der Kunst.

Zunächst aber spricht dieses Haus für sich. Wilhelm Großmann, Geschäftsführender Direktor der Franz Marc Museumsgesellschaft: "Wir sind ganz beglückt, dass alles so planmäßig gelaufen ist." Was bedeutet: Man ist im Zeit- und Kostenrahmen geblieben ­ 17 Monate gebaut, knapp sieben Millionen Euro bezahlt. Dabei wurde die Vorstellung der Auftraggeber verwirklicht, den Neubau organisch mit dem alten Landhaus aus der Wende zum 20. Jahrhundert zu verbinden. Das ist vor allem dadurch gelungen, indem Diethelms kubusförmiger Museumsbau zwar in unmittelbarer Nachbarschaft des Marc-Hauses steht, aber in keiner Weise das frühere Wohnhaus Marcs überragt.

Wer vom See aus durch den Marc-Park zu ihm hinaufsteigt, muss doch zunächst sehr genau schauen, um die Natursteinfassade des Neubaus zu erspähen. Bei näherer Betrachtung aber merkt man: In selbstbewusster Bescheidenheit behauptet er sich hinter dem ursprünglichen Genius Loci. Lenbachhaus-Chef Helmut Friedel und Mitglied des Marc-Kuratoriums schwärmt von "der Sachlichkeit und Souveränität" und davon, dass das Museum jeden "anbiedernden Oberlandstil" vermieden hat.

Diese Unaufdringlichkeit in der Architektur setzt sich im Inneren des Hauses fort. Die in ihrer Größe unterschiedlichen Ausstellungsräume erstrecken sich über drei Geschosse.

Kleine, fensterlose Kabinette, die in Rot oder Grün leuchten; Säle, die die großen Gemälde aufnehmen können, sowie mittlere Räume. Und immer wieder bietet ein Fenster den Ausblick auf die Natur. Eine Landschaft, die ihre künstlerische Entsprechung in den Bildern finden wird. Um sich als Museumsbesucher der Beziehung von Wasser, Wald und Bergen zu den Gemälden Marcs und zum Blauen Reiter spürbar bewusst zu werden, gibt es eigens einen sogenannten Aussichtsraum mit phänomenalem Blick auf See und Herzogstand.

Architektonisch herrscht Harmonie zwischen den Häusern, die durch eine Art niedrige Leitmauer und einen kleinen Innenhof miteinander verbunden sind. Im ursprünglichen Museum ist zukünftig das Café untergebracht sowie Verwaltung, Bibliothek, Archiv und Museumspädagogik.

Es ist schon eine kleine Sensation, dass dieses Sieben-Millionen-Schmuckstück ohne öffentliches Geld errichtet wurde. Bauherr ist die Stiftung Etta und Otto Stangl mit den Familien Mittelsten Scheid und Auer-Ibach, die zur Errichtung des neuen Hauses von der Gemeinde Kochel Museumsgelände und Bestandsgebäude in Erbbaurechtsvertrag unentgeltlich erworben hat. Museumsdirektorin Cathrin Klingsöhr-Leroy hat nun 700 Quadratmeter Ausstellungsfläche zu bespielen ­ mit Marc und dem Blauen Reiter, mit Arbeiten der "Brücke"-Maler, mit Werken von Rupprecht Geiger, Willi Baumeister und Fritz Winter sowie ­ zur Eröffnung ­ Bildern von Paul Klee. Alles Exponate der Sammlung Stangl.

Weitere Informationen:

08851/ 7114; ab Mai 2008: 08815/ 92 488-0.

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