Wie Wattebällchen

- Nach der Beziehung ist vor der Beziehung. Elf Jahre waren sie zusammen, vielleicht ein halbwegs intaktes Ehejahrzehnt hindurch. Oder nur ein paar Liebesnächte, einen unverplanten Abend lang. "Der Mann mit dem Manuskript" und "der Mann unter der Glühbirne", "die Frau mit der Zeitung" und die "im Negligé", sie haben gerade eine Zweisamkeit beendet, weil sie eine andere angefangen haben oder umgekehrt. Immer aufs Neue bilden die vielen Figuren in Roland Schimmelpfennigs Sprachwebstück "Vorher/ Nachher" bizarre Paarkonstellationen.

Es ist eine geradezu ideale Etüde für Schauspielschüler, die Regisseur Erich Sidler mit dem dritten Jahrgang der Otto-Falckenberg-Schule auf deren Studiobühne inszeniert hat. Drei lange Podeste, die mal in ein Doppelbett, eine Nasszelle, ein TV-Möbel, einen faden Vorhang münden - mehr brauchen die zwölf (einer ist erkrankt) hochkonzentrierten Schauspieler nicht, eher noch weniger.

Mit Feingefühl, Charme und Sympathie für ihre ständig mutierenden Figuren knüpfen sie das Beziehungsgeflecht. Erzählen diese Person oder übernehmen laut den inneren Monolog einer anderen, observieren, kommentieren, diskutieren gespannt das Spiel Mann gegen Frau oder Mensch gegen sich selbst. Schimmelpfennigs Textflächen regen dazu an, schemenhaften Figuren vorsichtig Kontur zu geben, zwingen dazu, Sensibilität fürs Ensemblespiel zu entwickeln.

Wie Wattebällchen segeln die Bos- und Herzlichkeiten des Stücks durch die Lüfte, und es erstaunt, wie elegant die Eleven sie auffangen. Obwohl etwas verhalten, dafür Überschwang in Genauigkeit verwandelnd und mit zumeist solider Sprechkunst ziehen sie ihr Publikum für fast zwei Stunden in ihren Bann.

Weitere Aufführungen 14.,15.,17.,18.12. jeweils 19.30 Uhr (089/ 23 33 70 82).

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