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Symbolschwangeres in Postkartenqualität: Szene aus Beverly Blankenships Inszenierung, die alles als Traum Agathes erzählt.

Webers „Freischütz“: Psychotrip mit doppelter Agathe - Premierenkritik

München - Der Fall ist fast einmalig. Auf der einen Seite ein Stück, prallvoll mit Hits und Volkstum inklusive perfekt instrumentierten Operneffekten. Und auf der anderen Seite eine Handlung, die schwer an ihrer letztlich zeitgebundenen Überdosis Romantik trägt.

Die Handlung:

Nur wem der Meisterschuss gelingt, der kann die Würde des Erbförsters und die Hand seiner Tochter Agathe erringen. Doch Max will nichts gelingen. Er vertraut auf seinen Kameraden Caspar und gießt mit ihm in der Wolfsschlucht Freikugeln. Sechs treffen, die siebte gehört dem Bösen in Gestalt Samiels. Agathe, von Vorahnungen geplagt, kommt mit ihrer Verwandten Ännchen zum Wettkampftag. Max schießt, Agathe fällt zu Boden. Aber sie wird durch geweihte Rosen geschützt. Die Kugel traf Caspar.

Carl Maria von Webers „Freischütz“ demnach ein unaufführbares Werk? Beispiele für baden Gegangenes gibt es ja zuhauf. Und wo der deutsche Wald nurmehr als entzauberte Wellness-Oase taugt, hat sich der Grusel davor längst verflüchtigt. Der Teufel als böse Macht von außen, als Bedrohung durch Krieg, Industrialisierung oder gesellschaftliche Ächtung, das alles wurde beim „Freischütz“ schon erschöpfend gezeigt. Bleibt anderes: das Böse, Schwarze, Webers Wolfsschlucht also, als die Mördergrube in uns selbst?

Dass Regisseurin Beverly Blankenship diese Oper am Gärtnerplatz als Psychotrip erzählt, ist daher keine abwegige Idee - und eine gut abgehangene. Schauerliches als Albtraum einer Figur aufzurollen, solch Konzept wird gern genommen, nicht erst seit Harry Kupfer seine Bayreuther „Holländer“-Senta in den Wahnwitz schickte. Und so wälzt sich auch Blankenships Agathe zur Ouvertüre unruhig im Bett, bis dem Agathe Nummer zwei entsteigt. Die folgenden zweieinhalb Stunden geistert die als Traumatisierte durch Visionen, schon Erlittenes und spärliche Wunschträume, verbrennt ihre Stofftiere und damit ihre Kindheit, wird von Caspar fast vergewaltigt und flüchtet sich am Ende, scheu und argwöhnisch, vor dem geliebten Max wieder in die schützenden Federn.

Anzuschauen ist das schön, vor allem dank Heinz Hausers surrealer Bühne: Symbolistisches vom weißen Hirschen bis zur Frauen-Phalanx als lebende Zielscheiben wird da vorgeführt in lichter, verführerischer Postkartenqualität. Amüsantes ist darunter wie der Chor der zu späten, weil hochschwangeren Brautjungfern. Und das unterschwellig Sexuelle des Stücks mit seiner Männerkumpanei inklusive phallisch gereckten Gewehren wird von Blankenship angedeutet - und manchmal auch, in den homoerotischen Umarmungen von Caspar und Max oder Agathe und Ännchen, subtil weitergedreht.

Die Besetzung:

Dirigent: Roger Epple.

Regie: Beverly Blankenship.

Bühne: Heinz Hauser.

Kostüme: Susanne Hubrich.

Chöre: Jörn Hinnerk Andresen. Darsteller: Juan Fernando Gutiérrez (Ottokar), Martin Hausberg (Kuno), Sandra Moon (Agathe), Christina Gerstberger (Ännchen), Derrick Ballard (Caspar), Tilmann Unger (Max), Sebastian Campione (Eremit), Dirk Lohr (Kilian), Jochen Vogel (Samiel).

Dass sich die bescheidene Blankenship weder in den Schocker noch in die Parodie flüchtet, ist ihr anzurechnen. Doch handwerkliche Mängel, Unlogisches und zu viele Psycho-Anleihen bei den Kollegen Harry Kupfer (Grundkonzept), Achim Freyer (die Riesenmasken) und Claus Guth (die Persönlichkeitsspaltungen) machen die Aufführung dann doch zur zwiespältigen Angelegenheit. Nicht alle Ungereimtheiten, das ist Blankenships Problem, lassen sich so einfach auf Agathes Träume schieben. Wann die Realität über sie hereinbricht (offenbar im Finale), wird nicht deutlich. Welche Rolle der Eremit spielt, wohl ein geläuterter Ex-Soldat, ist nur angedeutet. Aktion delegiert man meist an die enervierende rotierende Drehbühne. Und die Wolfsschlucht wird mit ihren hochkippenden Parkettplanken von Agathes Zimmer und mit einem umhertänzelnden Samiel als schwarzer Engel fast verschenkt.

Auf eine aufreizende und gewinnbringende Weise stellt sich die Musikfraktion gegen Blankenships sich zuweilen verfransende Regie. Roger Epple, der schon vor einiger Zeit anstelle des erkrankten David Stahl engagiert wurde, dirigiert einen harschen, herben, rhythmisch extrem profilierten Weber. Sicher ist manches zu laut. Aber die sehnige, sehr diesseitige Dramatik, die Extra-Portion Sturm und Drang, die das Gärtnerplatzorchester und der präzise, schlagkräftige Chor mit Hingabe servieren, machen diesen „Freischütz“ zu einem der besten Musikereignisse an diesem Haus.

Ein ums andere Mal geraten dabei die Sänger zwischen die Fronten. Sandra Moon singt ihre Agathe sehr kontrolliert und betont schulmäßig, gestaltet aber, obgleich sie doch Zentralfigur des Konzepts sein müsste, eine Spur zu zurückhaltend, oft unschlüssig. Christina Gerstberger verlässt sich auf ihre Qualitäten als handfestes, nie soubrettig zwitscherndes Ännchen. Stärker, überzeugender treten einem da die Männer entgegen: Der zaudernde Max, dieser verdruckste Kraftkerl, ist beim sehr präsenten Tilmann Unger gut aufgehoben. Für die unangenehm gelagerte Partie findet er heldische, nur in der Höhe zu stark gedeckte Töne. Und mit Derrick Ballard hat sich Intendant Ulrich Peters einen Muster-Caspar ans Haus geholt. Kraft, Wendigkeit in Spiel und Stimme, erhebliches darstellerisches Potenzial, ohne karikaturenhaft zu werden, all das gelingt dem Neuzugang fast perfekt.

Im Prinzip, das ist das Ergebnis dieses Premierenabends, könnte der problematische „Freischütz“ also tatsächlich so aufgedröselt werden. Und wie aus dem Graben zu hören war, kam man dort schon weit mit der Weber-Durchdringung - während die Kollegen von der Szene auf zwei Dritteln des Weges stecken geblieben sind.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen: am 2., 10., 22., 28. Oktober sowie 1., 4., 10., 17., 25.11.;

Telefon 089/ 21 85 19 60.

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