Wege in die Abstraktion

- "Der Herr nahm in der Straße seinen Hut ab. Ich sah schwarz-weiße, fest mit Pomade rechts und links vom Scheitel klebende Haare. Ein anderer Herr nahm seinen Hut ab. Ich sah eine große rosige, etwas fettige Glatze mit bläulichem Glanzlicht. Die beiden Herren sahen sich an, gegenseitig zeigten sie sich schiefe, gräulich gelbliche Zähne mit Plomben." Das ist der "Vorfrühling" gemäß Wassily Kandinsky. Eine der erzählerischsten Episoden, die er als Poet lieferte. Unter dem Titel "Offen" beißt er sich an langen Rohren fest, die sich wiederholen und endlos ausklingen. Kandinsky als Dichter, das ist ein Vorgriff auf die Dadaisten und ein weiterer Weg in die Abstraktion. Mit diesen unbekannteren Facetten des Kopfes des Blauen Reiters zeigt das Schlossmuseum Murnau Stationen seiner Entwicklung.

<P>"Klänge" heißt die Ausstellung, gemäß dem 1913 in Murnau geschaffenen Buch mit 38 Prosagedichten, zwölf farbigen und 44 Schwarzweiß-Holzschnitten. In einem Konvolut aus Hand- und Probedrucken, vor gut einem Jahr angekauft, entlarvt sich der Künstler als harter Arbeiter in Sachen Reduktion und Ausdruck. Beweggrund ist der absolute Wille zum Übereinklang von Farbe und Ton, den er als Synästhetiker verinnerlicht hatte. Für die meisten Menschen, die seit der Kindheit die Gabe verloren haben, Töne in Farben zu sehen, ist die Präsentation trotzdem spannend. </P><P>Der Klarheit des Jugendstils verhaftet</P><P>Schon 1903/ 04 schuf Kandinsky (1866-1944) "Gedichte ohne Worte": Die Landschaften, dem Schwung und der Klarheit des Jugendstils verhaftet, und die fein gegliederten Figuren verweisen auf die frühe "Märchenphase" des Russen. 1913 kommt das Freie, das Wort dazu: "Ich wollte nichts als Klänge bilden. Sie bildeten sich aber von selbst", schreibt Kandinsky. Statt sich eines der 300 Buchexemplare zu kaufen, hat sich das Museum lieber der Arbeitsblätter angenommen und hier gut gewählt. Zustands- und Probedrucke klären in einem Augenblick, was Abstraktion heißt. </P><P>"Lyrisches" (1911): Ein schneller Reiter, mit wenigen Strichen skizziert, stiebt durch die Landschaft. Der Druck ohne die Kontur wird zu einer abstrakten Gewichtung von Rot, Blau und Gelb. Ähnlich spartanisch und effektiv ist der Einsatz von roten und blauen Runden, die mit lockerem Schwarzstrich zu drei Reitern werden (1911). Die Täuflinge aus einem Probedruck schließlich tauchen dann farbenfroh beim Heiligen Wladimir wieder auf. Sammelbögen auf Billigpapier gleichen chaotischen, dicht und sparsam gesetzten Formmustern, die in Vignetten dann ihre alleinige Daseinsberechtigung haben.</P><P>Wie elementar die Phase für Kandinskys weiteres Schaffen war, zeigen die wunderbaren Balancen aus "Kleine Welten" 1922. Daneben dürfte die sicht- und vor allem hörbare Begeisterung für den Musiker Arnold Schönberg zu einem besseren Verstehen der Klänge führen.</P>Bis 11. Juli. Katalog: 15 Euro. Tel. 08841/ 47 62 01.<BR>

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