Von wegen Tricks! Es gibt keine Tricks

- "Das Publikum ist für uns das Wichtigste. Ohne diese Menschen wären wir nichts, und wir bräuchten nicht aufzutreten. Es ist ein Geben und Nehmen. Das geschieht unbewusst. Aber es ist ein unglaubliches Spiel der Seelen. Und wir brauchen es." So Edita Gruberova, Königin des Belcanto, unangefochtene Nummer eins in der Gunst der Opernliebhaber. Sie weiß, dass sie sich und ihre Kunst immer wieder aufs Neue beweisen muss. Umso glücklicher ist sie über die große Liebesbezeugung, die ihr die Leser unserer Zeitung zuteil werden ließen, indem sie sie zur diesjährigen Merkur-Theaterpreisträgerin kürten. Bei den Münchner Opernfestspielen darf Edita Gruberova natürlich nicht fehlen. Am 13. und 17. Juli steht sie abermals als Englands Königin Elisabetta in Donizettis "Roberto Devereux" auf der Bühne des Nationaltheaters.

<P>Ist es richtig, dass im Laufe einer Karriere der Beruf nicht leichter, sondern immer schwerer wird?<BR>Gruberova: Man müsste meinen, dass ich in Häusern, in denen ich bis jetzt gesungen habe und noch singe, sozusagen nach Hause komme. Denn es ist eine große Fan-Familie, die sich überall trifft, ob ich in München, Wien, Berlin oder Barcelona auftrete. Aber es ist doch immer wieder neu. Ja, ich weiß, dass mich die Menschen mögen, dass sie begeistert sind. Dass sie eventuell auch nachsichtig wären oder gar freundlich etwas überhören würden. Aber das hilft nicht. Für mich beginnt das Ganze jedes Mal bei Null. Ich kann nicht auf vermeintlichen Lorbeeren aufbauen.<BR>Wenn es einen Platz gäbe, an dem ich noch nicht war, ein neues Publikum, das mich nicht kennt, dort wäre ich vielleicht ruhiger; denn diese Zuschauer kämen mit "unverdorbenen" Ohren. Meine "Familie" dagegen kennt jeden Ton, jede Phrase, jeden Atemzug von mir. Ich muss sie also immer wieder neu überzeugen, sie immer wieder neu überraschen. Allerdings, auch ich muss mich von mir selbst überraschen lassen.</P><P>Ihre Vorstellungen sind regelmäßig ausverkauft, Sie ernten Beifallsstürme am Ende. Was geht in dem Moment, wenn der Orkan über Sie hereinbricht, in Ihnen vor?<BR>Gruberova: Ich lebe in der Schweiz, da gab es unlängst wieder so einen Erdstoß. Das ist ein schockartiges Erlebnis. Da entlädt sich etwas, das einen erzittern lässt. So ist das mit dem Beifall. In diesen Momenten danke ich - ja, wem? Den Menschen, Gott, dass ich das erleben darf. Das ist wie eine Droge.</P><P>Ach, wenn ich da mitsingen könnte, mag sich mancher Opernbesucher denken zum Beispiel bei einem Quartett oder Sextett.<BR>Gruberova: Das Zusammensingen mit den anderen Sängern, auch das Zusammenspiel mit dem Orchester - das ist etwas Wunderbares. Wenn sie alle zueinander passen. Wenn es gelingt. Dann können das Sternstunden werden. Das ist wie beim Fußball. Wenn die Spieler so viel rennen und dann ein Tor schaffen - dann ist das vollendet. Aber bei ihnen wie bei uns ist es mitunter auch so: Man sieht die Mannschaft trainieren, trotzdem funktioniert nichts.</P><P>Apropos trainieren: Unterrichten Sie auch?<BR>Gruberova: Nein, noch nicht. Natürlich werde ich oft gefragt. Aber das braucht Zeit. Neulich sprach mich auf dem Flug nach Zürich eine junge Sängerin an, ob ich nicht . . . Ich sagte Ja, sie solle mich in Zürich besuchen. Sie kam auch, wir haben zusammen gearbeitet, es war sehr schön _ doch dann hat sie sich nicht wieder gemeldet. Das verstehe ich nicht. Eine Disziplin muss sein. Es geht nicht, dass sie glauben, sich von mir nur ein paar Tricks zeigen zu lassen. Tricks! Haben die eine Ahnung! Es gibt keine Tricks.</P><P>Wie war das, als Sie mit dem Singen anfingen?<BR>Gruberova: Ich hatte mit 16 Jahren in Bratislawa Gesang studiert. Dann kam ich nach Wien und fand hier meine Lehrerin. Ich musste erfahren, dass es nicht viel wert war, was ich bisher gelernt hatte. Ich musste meine ganze Technik umstellen. Als junger Sänger glaubt man, etwas zu können. Immerhin hatte ich schon mit einigem Erfolg die Königin der Nacht an der Wiener Staatsoper gesungen. Wie es aber wirklich geht, begreift man nur ganz langsam.</P><P>Wie sieht Ihr Tag aus, wenn Sie abends singen?<BR>Gruberova: Tagsüber so wenig wie möglich telefonieren und überhaupt nicht so viel sprechen. Um 12 Uhr Einsingen. Dann weiß ich, ob alles in Ordnung ist. Nach dem Essen zwei Stunden schlafen. Ab fünf kommt mehr und mehr die Nervosität. Die Spannung. Die Ungeduld. Kurz vor der Vorstellung wird die Stimme nur noch ein bisschen poliert. Und wenn dann die ersten Töne aus dem Orchester erklingen, stehe ich in der Gasse: So, jetzt darf ich endlich raus. Neugierig, was geschieht. Der erste Schritt auf die Bühne, im Namen Gottes, jetzt muss es gehen. Das ist wie Springen vom Drei-Meter-Brett.</P><P>Sie haben zwei Töchter, keine ist in Ihre Fußstapfen getreten.<BR>Gruberova: Die Jüngste war Tänzerin, nach einem Sturz in der Zürcher Oper musste sie ihren Beruf aufgeben. Sie studiert jetzt Germanistik und schreibt Gedichte; wie ich finde, sehr schöne. Und die Ältere hat eine Familie, sie ist Mutter zweier Söhne.</P><P>Sind sie der Grund, warum Sie Ihre beruflichen Verpflichtungen reduzieren wollen?<BR>Gruberova: Das habe ich mir selbst auferlegt. Ich muss mir Zeit für meine Enkel nehmen. Ich will das genießen, denn bei den eigenen Kindern habe ich vielleicht einiges versäumt. Wahrscheinlich hatten sie doch das Gefühl, dass die Mutter nicht genug für sie da war. Ich möchte jetzt nichts verabsäumen.</P><P>Unter den Top-Sängerinnen sind Sie fast eine Ausnahme mit Ihren Kindern.<BR>Gruberova: Eine sehr berühmte Kollegin hat einmal zu mir gesagt: Edita, ich beneide dich um nichts, nur um deine zwei Töchter.</P><P>Was ist das Schwierigste in Ihrem Beruf?<BR>Gruberova: Der Druck, den ich selbst auf mich ausübe, auf der Bühne vor mir selbst zu bestehen. Mich mir selbst immer wieder beweisen zu müssen. Wenn ich mir meiner ganz sicher bin, höre ich auf.</P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben
Sie war eine deutsche Diva und ein Multitalent: Margot Hielscher. Die Grande Dame der Leinwand, Showbühne und des Fernsehens war jahrzehntelang erfolgreich. Nun ist sie …
Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben
„Lear“ in Salzburg: Apokalypslein now
Die letzte Premiere der Salzburger Festspiele bringt ein Schlüsselwerk der Moderne auf die Bühne, Aribert Reimanns „Lear“. Während Bariton Gerald Finley triumphiert, …
„Lear“ in Salzburg: Apokalypslein now
Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird
Sie wurde Letzte beim ESC 2016. Doch trotzdem machte sie weiter. Doch jetzt sind die Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird.
Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird
Maler Karl Otto Götz ist tot
Er galt als Pionier der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit: Karl Götz. Der Maler ist im Alter von 103 Jahren gestorben.
Maler Karl Otto Götz ist tot

Kommentare