Wegträumen und da bleiben

- "Wenn die Erinnerung ein Konstrukt ist, dann ist sie nicht weit entfernt von der Fiktion." So formuliert der junge Regisseur Roger Vontobel (geboren 1977 in Zürich) ein Grundthema des Stückes, mit dem er am Samstag um 20 Uhr im Werkraum der Münchner Kammerspiele Premiere hat: "Monsun", das dritte Drama der Nachwuchsautorin des Jahres 2005, Anja Hilling. Im Mittelpunkt steht der Unfalltod eines achtjährigen Jungen. Das Stück ist ein Versuch der Bestandsaufnahme von existenziellen Gefühlen.

Wie in vielen Inszenierungen Vontobels, der momentan hauptsächlich in Hamburg und Essen arbeitet und für die Salzburger Festspiele Grabbes "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" auf die Bühne stellen wird, spielen auch in seinem Münchner Regiedebüt verlorene oder verloren gehende Persönlichkeiten eine Rolle.

Was zieht Sie an diesem Thema an?

Vontobel: Die Fragen zur Persönlichkeit entsprechen dem Zeitgeist: Wie viel Authentizität habe ich denn überhaupt noch? Ist mein Leben mein Leben, oder ist es ein Drehbuch? An was kann ich noch glauben? Ich habe das Gefühl, je intelligenter man wird, umso weniger kann man sich seiner eigenen Authentizität ausliefern. Bei "Monsun" ist die Frage: Wie authentisch ist eine Erinnerung oder ein Gefühl, das mit einem Verlust zusammenhängt?

Die Stoffe sind ernst. Sind Sie ein ernster Regisseur?

Vontobel: Ich versuche, ernsthaft damit umzugehen. In unserer Gesellschaft ist es das Einfachste, sich in die Ironie zurückzuziehen: "Das können wir doch sowieso nicht mehr ernst nehmen, also warum machen wir uns die Mühe?" Das finde ich nicht. Ich habe eine große Sehnsucht, den Kern der Stücke zu finden - und der ist verdammt noch mal ernst für mich. Der Versuch ist ernst - am Ende kann es dann total lustig sein. Und manchmal ist das Lustigste auch das Ernsthafteste.

Warum lassen Sie die Schauspieler in "Monsun" Hillings Regieanweisungen mitsprechen?

Vontobel: Was ich bei "Monsun" so wahnsinnig spannend fand, ist, dass unheimlich viel in den Regieanweisungen steht. Ich finde es toll, wenn es in einem Stück viele Orte gibt - was das Theater eigentlich nicht leisten kann. Die Sehnsucht darin finde ich faszinierend. Denn das ist Theater: Wir können uns vielleicht wegträumen, aber wir bleiben da. Als Regisseur muss man eine Behauptungsart dafür finden.

Trotz der Kürze des Dramas und der Beschränkung auf fünf Figuren werden in "Monsun" alle möglichen Konstellationen durchgespielt, und die Zufälle häufen sich - als sei's ein Märchen oder eine Vorabend-Serie.

Vontobel: Das finde ich aufregend, weil die Figuren sich dessen auch irgendwie bewusst sind: "Ich muss das Potpourri an Soaps durchspielen, ich hab' ja nichts anderes." Darin steckt eine ganz große Tragik. Bei der Probenarbeit ist es eine Gratwanderung. Es kann sehr banal wirken. Wenn es aber gelingt, dass man den Druck und die wahnsinnige Notwendigkeit darunter spürt, dann kann es unheimlich real sein.

Durch die erzählende Position, in welche die Figuren zwischendurch treten, erfahren sie etwas Übersinnliches, Dokumentarisches.

Vontobel: Im Sinne von Forschen, von Suchen, ja. Etwas Kriminalistisches, der Versuch, den eigenen Erinnerungen auf die Schliche zu kommen. Wann holt einen die Erinnerung ein und wird plötzlich zu einer Szene? Das hat für mich auch viel mit Theater zu tun: Wie viel imaginiere ich, und wann wird Imagination plötzlich lebendig?

Welche Bedeutung haben die Improvisationen, die Sie zwischen die Szenen fügen?

Vontobel: Für mich sind sie Rundumschläge, bei denen Figuren ausbrechen, Momente gedehnt werden oder ins Absurde geraten. Das kann etwas Ritualhaftes, etwas total Überdrehtes oder auch Romantisches haben. Die Unmittelbarkeit der Improvisationen hat eine ganz andere Qualität als die genauen, feinen, untergründigen Dialoge von Anja Hilling - ein anderes Aufeinanderprallen der Figuren, das manchmal nichts mit der Konstellation im Stück zu tun hat. Auf dem Theater aber ist das möglich.

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