Wehgeschrei und Dankgebet

- Ein wenig müde und erschöpft wirkt Walter Kempowski. Als ob er die Schwere und Traurigkeit all dieser fremden Kriegsschicksale, die er jahrelang studierte, mit sich schleppen würde. "Satt habe ich es nicht, aber gesättigt bin ich schon", sagt der 76-jährige Schriftsteller, der neben zahlreichen Romanen das zehnbändige kollektive Tagebuch "Das Echolot" über den Zweiten Weltkrieg verfasst hat. Dessen letzten Teil "Abgesang '45" stellte Kempowski nun im Münchner Literaturhaus und in der Hanns-Seidel-Stiftung vor.

<P class=MsoNormal>Die unterschiedlichsten Erinnerungen und Tagebucheinträge, von NS-Funktionären und Exil-Dichtern, von Frontsoldaten, Kriegsgefangenen und Flüchtlingsfrauen, fügte Kempowski kommentarlos aneinander und war dabei doch weniger Chronist als Künstler. Die gestalterische Anordnung seiner Collage spricht für sich und ist Kommentar genug.</P><P class=MsoNormal>Eine Vertonung kann er sich vorstellen</P><P class=MsoNormal>Da stößt man etwa inmitten von KZ-Berichten auf einen ehrerbietigen Nachruf des Literaturnobelpreisträgers Knut Hamsun auf Adolf Hitler. "Es war natürlich ein Wagnis, Hamsun abzudrucken. Wenn man ihn in die richtige Umgebung stellt, dann entsteht eine scharfe Dissonanz." Musikalische Metaphern tauchen immer wieder auf, wenn Kempowski über "Das Echolot" spricht: "Es war mir nicht um die Sammlung der Dokumente zu tun. Ich wollte die Stimmen so anordnen, dass sie im Konzert ihre Geheimnisse preisgeben."</P><P class=MsoNormal>Daher kann sich Kempowski eine Vertonung durchaus vorstellen. Etwas Oratorienhaftes sei in dieser Vielstimmigkeit erkennbar: "Wehgeschrei und Dankgebet liegen direkt nebeneinander." Und so ist es nur allzu verständlich, wenn Kempowski sich "der Musik und der Dichtung mehr als der Geschichtsschreibung verwandt" fühlt.</P><P class=MsoNormal>Immer wieder muss er sich offenbar damit herumschlagen, dass das kollektive Tagebuch nicht selbstverständlich der Belletristik zugeordnet wird. "Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg sind ja auch keine Geographiestunde", kontert er dann entnervt. Historiker verträten schließlich im Gegensatz zu ihm selbst eine gewisse Tendenz. "Wer bin ich denn, dass ich meine Ansichten von der Welt anderen aufzwingen wollte?" Und deshalb vertraue er seine Collage eben ohne Kommentar dem mündigen Bürger an.</P><P class=MsoNormal>Immer noch, so Kempowski, erhalte er Zusendungen von Dokumenten. Und ihm fallen viele weitere Daten ein, zu denen ein kollektives Tagebuch auch aufschlussreich wäre. Aber sein Archiv in seinem Haus bei Bremen sei voll. Derzeit verhandelt er mit der Berliner Akademie der Künste, um ihr die Materialien zu überlassen. "Körperlich verkrafte ich die Archivarbeit nicht mehr, und seelisch will ich mir die schrecklichen Geschichten nicht mehr zumuten."</P>

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