Wehmütige Geselligkeit

- Nach dem Genuss einer Flasche Cognac beschlossen der Schriftsteller Peter Paul Althaus (1892-1965) und der Maler Hermann Geiseler (1903-78) 1950 die Gründung von Künstlerzirkeln. Benannt wurden sie nach der Schwabinger Tafernwirtschaft, in der man sich traf, der "Seerose" Ecke Feilitzsch-/Gunezrainerstraße. Den literarischen Teil der "Seerose"-Kreise übernahm Althaus, die bildenden Künstler versammelte Geiseler zu einem ausgiebig räsonierenden Stammtisch: eine Spötterbank am Rande des Geschehens.

<P>Seit der Umwandlung ihres renovierten Stammlokals wechselten die Einstigen und die Nachfahren immer wieder den Ort, seit 1998 treffen sie sich einmal monatlich im Künstlerhaus am Lenbachplatz.<BR><BR>Ihre Bedeutung erschöpft sich in einer Art wehmütiger und hoffender Geselligkeit, die sich um die städtischen Zuwendungen, seit 1967 "Seerosenpreis" genannt, gruppiert. Für diese besaßen die einzelnen Künstlergruppen (samt "Seerose") das Vorschlagsrecht. In der Schwabinger "Seerose" war 1961 die Vergabe von 18 Stipendien für bildende Künstler vorbereitet worden: jeweils 5 000 Mark an sechs Empfänger. Darauf gründet sich der alte Ruhm. </P><P>Seit 1993 gibt es jährlich nur noch zwei Preisträger, 1992 war es nur einer.<BR>Auf der falschen Annahme des Gründungsdatums (es war nicht 1948, sondern 1950) beruhte der Auftrag des Kulturreferats, in der Rathausgalerie jetzt eine Jubiläumsausstellung zu veranstalten: "55 Jahre Seerosenkreis. Die ersten Jahrzehnte". Zu diesem Zirkel zählten in Ausstellungen der Jahre 1975 und 1977 - damit endeten die "ersten Jahrzehnte" - 24 Künstler. Jetzt sind es 40. Die wundersame Vermehrung rührt daher, dass Stipendiaten und Träger des "Seerosenpreises" einbezogen wurden.<BR><BR>Erfreulich ist so manche Wiederbegegnung: mit dem jetzt 88-jährigen Surrealisten Helmut Ullrich, den grimmigen Realisten Scheibe und Scharl, der Malkultur eines Mader, Habermann, Glette. Erstaunen mag heute der existenzielle Ernst und Pessimismus so mancher Maler von damals, ihre Neigung zur Düsternis. Das Wirtschaftswunder teilte sich ihnen kaum mit - frohsinnig waren sie nur bei ihren Garten- und Faschingsfesten.<BR><BR>Die gleichzeitig im Pavillon des Alten Botanischen Gartens gezeigten Zeichnungen sollen für noch lebende Seerosenpreisträger stehen: ein Vielerlei der Belegstücke divergierender Art. <BR><BR>Rathausgalerie bis 29. Juni, im Pavillon bis 27. Juni. <BR>Kataloge 10 und 5 Euro, zusammen 13 Euro. <BR>Tel. 089/49 33 70 und 201 29 73.</P>

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