Auf der Weihespielwiese

- Ein riesiges Problem hat ja eine Theaterperformance à la Christoph Schlingensief. Nach höchstens zwei Vorstellungen versickert mangels Spontaneität die Wirkung, fürs normale Repertoire taugt sie schon gar nicht. Umso konsequenter, dass er seinen Bayreuther "Parsifal" weiterentwickelt hat. Vom kaum zu entziffernden Assoziationswust 2004 über eine Entrümpelung 2005 bis hin zur aktuellen Ausgabe, die nun, als Abschluss der Bayreuther Premierenwoche, fast als Neuversion durchging.

Geblieben ist die Drehbühne mit Venedig-Voodoo-Versatzstücken, geblieben sind auch manche Videos, etwa der verwesende Hase oder die Ritualszenen, die den beunruhigenden, dunklen Gehalt des "Parsifal" ans Licht holen. Geblieben ist freilich auch der Ruch der Scharlatanerie - Wagners Weltabschiedswerk als Weihespielwiese für einen Berufsprovokateur.

Was anders ist: Die Figuren wurden noch mehr geschärft, Schlingensief (oder Assistentin Isabel Ostermann) erzählt tatsächlich kleine Geschichten ums Beziehungsviereck Kundry-Parsifal-Amfortas-Klingsor. Von Kundry als Marilyn oder Büßerin, die durch die heilige Lanze - wie Amfortas - eine Wunde davonträgt. Vor allem aber von Klingsor, der Teil der Gralsgesellschaft bleibt, nach dem Tod Parsifals und Kundrys den Speer wieder in Besitz nimmt.

Frisch im Programm sind auch allerlei arabische Symbole (Wagner lässt Kundry "aus Arabia" ins Stück kommen), wobei Schlingensief nicht in die Al-Khaida-Falle tappt. Hölderlins "Hyperion" in fremden Schriftzeichen wird projiziert, und der Mischbau aus Kirche mit Minarett wäre schon ein lohnendes Diskussionsobjekt für den Sendlinger Kulturkampf.

Die Produktion wird konventioneller

Neuling Evelyn Herlitzius als Kundry fügt sich dank starker Ausstrahlung gut ein. Erstaunlich, dass sie, die hohe Sopranistin, in der viel geforderten Mittellage so facettenreich singen kann. Die Stimme klingt kontrollierter als früher; ein Jammer, dass sie nicht im "Ring" als Brünnhilde dabei war. Alfons Eberz (Parsifal) verlegte sich nicht weiter aufs Brachiale, reduzierte seinen Tenor - dies allerdings nur bis zum unschönen Finale. Neben Herlitzius das größte Plus der Besetzung: Alexander Marco-Buhrmester als nie larmoyanter, klangschöner Amfortas. John Wegner (Klingsor) warf sich offenbar als Einziger lustvoll ins Konzept, der gemütlich brummelnde Gurnemanz des Bayreuther Haudegens Robert Holl dagegen wirkte eher wie ein Fremdkörper.

Als Nachfolger von Pierre Boulez zu dirigieren, ist naturgemäß undankbar. Adam Fischer bleibt angesichts der Bilderflut tatsächlich nur eine Nebenrolle. Ein paar schöne Lyrismen, ein empfindsam gestalteter "Karfreitagszauber": Fischer schwebte wohl ein verinnerlichter "Parsifal" vor - und war doch zu profillos, produzierte auch mit dem Orchester Lässigkeiten.

Ovationen fürs musikalische Team, Schlingensief heizte die Buhs noch gut gelaunt an. Dass der Zuschauer durch vieles gebannt wird, dass sogar gern lahmende Monologstrecken plötzlich interessieren, ist freilich nicht zu leugnen: Schlingensiefs "Parsifal" ist - bei aller zur Schau gestellten Sponti-Wirrnis - theatralischer, konventioneller geworden. Noch vier, fünf Jahre, und Bayreuth würde sich glatt daran gewöhnen.

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