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Weihnachten 2016

Musik, Bücher, DVDs: Die Geschenktipps unserer Kritiker

Noch immer keine Idee, was man unter dem Christbaum drapieren könnte? Auch, weil der oder die Auserwählte schon alles hat? Einen Ausweg bietet diese Übersicht, auf der die Mitarbeiter unserer Kultur-Redaktion einige Vorschläge für Sie haben. 

Abgefahrener Barock 

21 Jahre jung war Händel, als er inspiriert von einer Italienreise sein wildestes, abgefahrenstes Chorwerk schrieb. Doch überdrehte Virtuosität und Schönheit müssen keine Gegensätze sein, das beweist Jordi Savalls Einspielung des „Dixit Dominus“ mit Le Concert des Nations und La Capella Reial de Catalunya. Savall,dereleganteÄsthetund große Humanist unter den Dirigenten, kombiniert das mit Mozarts und Vivaldis eher unbekannten Vertonungen deselben Textes. Einzigartiges entstand dabei: die OratorienCD des Jahres. 

Händel, Mozart, Vivaldi: „Dixit Dominus“. Jordi Savall (Alia Vox)

Empfehlung von Markus Thiel

Gedanken des Schicksallosen

Gleich der erste Satz gibt die Richtung vor: „Chronik als Selbstprüfung“ notierte Imre Kertész am 2. Oktober 1991. Und tatsächlich sind es kaum Alltagsbeobachtungen, die der ungarische Schriftsteller (1929-2016) und Literaturnobelpreisträger des Jahres 2002 hier teilt. Vielmehr lässt sich in diesem bemerkenswerten, dichten Buch Kertész’ (Selbst-)Reflexion und sein (melancholisches) Nachdenken verfolgen. In der Entschleunigung entführt der Autor in wundersame, herausfordernde Gedankengebäude. „Der Betrachter“ schließt postum eine empfindliche Lücke im umfangreichen autobiografischen Werk des Ungarn und versammelt Tagebuchnotizen der Jahre 1991 bis 2001. Es war eine Dekade der Veränderung – für die Welt und den Autor. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde sein Werk, an dessen Beginn der „Roman eines Schicksallosen“ (1975) steht, weltweit rezipiert. Die Unruhe verunsicherte und faszinierte Imre Kertész. 

Imre Kertész: „Der Betrachter“. Rowohlt, 253 Seiten; 19,95 Euro

Empfehlung von Michael Schleicher

Vater und Tochter

Nicht nur wegen der zahlreichen Auszeichnungen ist „Toni Erdmann“ einer der Filme des Jahres. Regisseurin Maren Ade erzählt in ihrer Tragikomödie so anrührend, aufrüttelnd und intensiv über eine Vater-Tochter-Beziehung, dass die DVD ein Muss in jedem gut sortierten Heimkino ist. Gerade noch rechtzeitig, am 23. Dezember, erscheint sie. Wer jetzt vorbestellt, bekommt eine Liefergarantie zum Fest. Zum Bonusmaterial gehören Outtakes sowie Interviews mit den Hauptdarstellern Sandra Hüller und Peter Simonischek.

Maren Ade: „Toni Erdmann“ (Eurovideo)

Empfehlung von Stefanie Thyssen

Lebensbejahend

Wer Capras Klassiker „Ist das Leben nicht schön?“ (Arthaus) von 1946 nicht kennt, sollte das zum 70. Jubiläum fix ändern. George Bailey (James Stewart) will aus Verzweiflung sterben – doch er erhält die Chance zu sehen, welche Folgen sein Tod für sein Umfeld hätte. Die Botschaft: Jedes Leben ist wertvoll, jede Tat hinterlässt Spuren. Optimistisch, amüsant, rührend. Ein Weihnachtsklassiker. Es muss ja nicht immer die „Feuerzangenbowle“ sein.

Frank Capra: „Ist das Leben nicht schön?“

Empfehlung von Katja Kraft

Obacht, nicht alles glauben!

Trilogie der Erinnerung“ ist kein Werk von Günter Grass, und doch passen „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006), „Die Box“ (2008) sowie „Grimms Wörter“ (2010) bestens unter den Obertitel. Eine kluge Idee von Grass’ Leib-und-Magen-Verlag Steidl, diese Bücher der „Danziger Trilogie“ („Die Blechtrommel“, „Katz und Maus“, „Hundejahre“) an die Seite zu stellen. Was alle verbindet, ist das fast schon vefilzte Gespinst aus Biografischem und Erfundenem. Mehr zur Seite der Lebensgeschichte hin springt der Erinnerungs-Dreischritt. Man darf ihn als Autobiografie begreifen – allerdings eines begnadeten Fabulierers: Obacht, nicht alles glauben! Der Literaturnobelpreisträger geht aber durchaus fordernd mit sich um, mal aus eigener Perspektive, mal aus der seiner Kinder, mal aus derjenigen der Sprachkraft.

Günter Grass: „Trilogie der Erinnerung“. Steidl, 959 S.; 29,90 Euro

Empfehlung von Simone Dattenberger

Keine Panik, Stucki

Wer nicht lesen will, kann hören! Und das ist im Fall von „Panikherz“ eine gute Nachricht. Der 41-jährige Benjamin von Stuckrad-Barre liest seine drogen- und alkohol-durchtränkte Frühbiografie höchstselbst und beweist dabei erstaunliches Talent im Imitieren seines Idols und Lebensretters Udo Lindenberg. Mal nuschelnd, mal glasklar artikulierend erzählt er von Selbsthass und Größenwahn vom Auf- und Abstieg eines Pop-Literaten.

Benjamin von Stuckrad-Barre: „Panikherz“ (Roof-Music).

Empfehlung von Astrid Kistner

Politthriller

Deutschland 1952: Die Nachwehen des Krieges sind überall zu spüren, als Bundeskanzler Adenauer im Schwarzwälder Nobelhotel „Bühlerhöhe“ erwartet wird. Die nach Israel emigrierte Rosa Silbermann soll ihn für den Mossad schützen. Die Hausdame Sophie Reisacher kümmert sich weniger um die Weltpolitik als um ihren Aufstieg. Eine intelligente Mischung aus Politthriller, Liebesroman und Gesellschaftsanalyse.

Brigitte Glaser: „Bühlerhöhe“. List; 20 Euro

Empfehlung von Ulrike Frick

Große Literatur

Da hab’ ich was Eigenes, da hab’ ich mein Jodeldiplom!“ – Kennern ist dieser Satz so geläufig wie ein Zitat von Goethe oder Schiller. Loriot (1923-2011), der große Humorist und feine Beobachter des Menschen und seiner kleineren und größeren Schwächen, hat Werke hinterlassen, von denen viele ins kollektive Gedächtnis der mittleren und älteren Generation eingegangen sind. „Die Nudel“, „Kosakenzipfel“, „Das Frühstücksei“ –Titel, die viele ebenso wissend schmunzeln lassen wie die Namen Hoppenstedt oder Müller-Lüdenscheidt. Die „Dramatischen Werke“ gibt es nun in einer erweiterten Ausgabe. Liebhaber großer Literatur sind aufgefordert, sie nicht nur zu kaufen, sondern die Stücklein einzustudieren und vor der Jugend aufzuführen. Diese Dialoge verdienen es, der Nachwelt überliefert zu werden.

Loriot: „Dramatische Werke“. Diogenes, 360 Seiten; 36 Euro

Empfehlung von Rudolf Ogiermann

Räuberpistole

Wer gerne der heimlichen Depression der Feiertage entfliehen möchte und das auch seinen Mitmenschen gönnt, findet in „Die Henkerstochter und das Spiel des Todes“ das perfekte Buchgeschenk. In Teil sechs von Oliver Pötzschs Räuberpistole, wie immer historisch fein recherchiert, ermittelt die Schongauer Henkerssippe Kuisl in Oberammergau. Morde, atemberaubende Wendungen, hanebüchene Verstrickungen.

Oliver Pötzsch: „Henkerstochter“; 9,99 Euro.

Empfehlung von Katrin Hildebrand

Der Kapellmeister

Kapellmeister der alten Schule! Ein sperriger Begriff, der zugänglicher wird, wenn er ein Gesicht bekommt: Hugo Reichenberger (1873-1938). Der Münchner wurde blutjung vom Wagner-Spezialisten Hermann Levi entdeckt und ab 1908 für 27 Jahre an die Wiener Hofoper geholt – Riesenkrach mit Richard Strauss inklusive. 1935 endete die Karriere des katholisch gewordenen Juden jäh: durch Kündigung. Teresa Hrdlicka hat die Biografie ihres Großvaters detailliert rekonstruiert.

Teresa Hrdlicka: „Hugo Reichenberger“. Steinbauer, 264 S.; 22,50 Euro.

Empfehlung von Maximilian Maier

Die Dokumentaristin

Was Menschen quer durch die Zeiten eint, ist die Überzeugung, dass früher alles besser war. Natürlich ist das heute so falsch wie einst. Anschaulich illustriert wird das durch diese neu erschienene Sammlung mit Texten der legendären Joan Didion, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren in den USA entstanden sind. Didion beschreibt so präzise wie klug die Reflexe auf gesellschaftliche Veränderungen, schwelende Konflikte mit Minderheiten oder spektakuläre Verbrechen. Didion dokumentiert hilflose Sehnsucht nach vermeintlich übersichtlicheren Zeiten, nach einfachen Antworten, wegweisenden Autoritäten und zeigt das Beklagen des Verfalls der Werte. Kurzum, man macht alles, au- ßer sich ernsthaft mit den Problemen und Herausforderungen zu befassen. Wir blicken zurück und laufen dabei nach vorne, in der Hoffnung, so den richtigen Weg zu finden

Joan Didion: „Sentimentale Reisen“. Ullstein, 226 Seiten; 22 Euro.

Empfehlung von Zoran Goijc

Die Sängerin

Ich bin die“, verkündet die Moderatorin und Sängerin Ina Müller auf dem Cover ihrer neuen CD. Tatsächlich, ihre Songs spiegeln wider, wie es einer Frau um die 50 so geht: Angst vor dem Altwerden und Alleinsein, vor Trennung und Konkurrenz.Gleichzeitig sind die Texte trotz solcher Themen nicht depressiv, sondern gewohnt witzig, frech und mitreißend, laden zum Mitsingen ein und schaffen es gleichzeitig, zu berühren. Ina Müller ist eben, wie sie ist:bodenständig, direkt und gnadenlos ehrlich.

Ina Müller: „Ich bin die“ (Columbia).

Empfehlung von Melanie Brandl

Brilliant

William Youn bleibt Mozart auf der Spur. Seine vierte CD mit den Sonaten KV 281, 283, 333 und der letzten, KV 576, beweist erneut seine Affinität zum Salzburger Genius. Da verstellt Brillanz nie den Blick auf tiefere Schichten, erscheinen Strukturen von Licht durchflutet, wird Gesanglichkeit in allen Schattierungen ausgekostet. Würden doch die langsamen, ebenso schlicht wie ernst und versunken musizierten Mittelsätze nie enden! Wer Mozart liebt, freut sich da.

„William Youn plays Mozart Sonatas“ Vol. 4 (Oehms Classics).

Empfehlung von Gabriele Luster

Bitterböse

Ganze 173 Jahre mussten ins Land ziehen, bis man Honoré de Balzacs bitterböse Abrechnung mit der in seinen Augen durch und durch korrupten und maliziösen Pariser Journalistenzunft nun erstmals in deutscher Übersetzung zur Hand nehmen kann. „Leitartikler“, „Schönschreiber“, „Monothematiker“ oder „Zeilenschinder“, sie alle bekommen rhetorisch geschliffen ihr Fett weg. Wobei jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen rein zufällig sind. Für alle eine ebenso aufschlussreiche wie unterhaltsame Lektüre. Empfohlen all jenen, die schon immer mal ihre Vorurteile aus „berufenem Munde“ bestätigt sehen wollten und beim nächsten Verriss für ihren Star den erbosten Leserbrief mit einem literarischen Zitat würzen möchten. Aber bitte dran denken: Auch Kritiker sind nur Menschen

Honoré de Balzac: „Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken – Die schrägen Typen der Journaille“. Manesse Verlag, 320 Seiten; 19,95 Euro.

Empfehlung von Tobias Hell

Putzmunter

2016 hat uns viele große Musiker genommen – gleich zu Beginn David Bowie, am Ende Leonard Cohen. Umso dankbarer darf man sein, dass Paul McCartney mit 74 putzmunter ist. Sir Paul hat heuer ein fantastisches Konzert in München gegeben und ein aufwändiges Best-of veröffentlicht. „Pure McCartney“ ist eine Bilanz seiner Nach-Beatles-Karriere – es wird Zeit, die fabelhaften Wings wieder zu entdecken. Je nach Ausgabe bis zu 67 Songs, am schönsten als Boxset mit vier CDs oder LPs.

Paul McCartney: „Pure McCartney“ (Universal)

Empfehlung von Jörg Heinrich

Geschichte als Krimi

Ein totalitäres Regime, Tausende von geraubten Kunstschätzen in einem Versteck kurz vor ihrer Vernichtung und der brandgefährliche Versuch des Aufbegehrens: Das ist genug Stoff für einen Thriller. Die Geschichte basiert auf den Fakten aus der Hitler-Zeit, wurde aber mit fiktionalen Helden dynamisiert und krimitauglich gemacht. Das Ergebnis: super spannend, super lehrreich. Der Roman sollte Schullektüre werden – das wäre mal eine, die wenigstens gern gelesen würde.

Rekel/ Kresse: „Mona Lisas dunkles Lächeln“. Styria, 206 Seiten; 19,99 Euro

Empfehlung von Freia Oliv

Genie als Kauz

So gemütlich absurd wie in seinen Theaterstücken ging es im wirklichen Leben von Samuel Beckett (1906-1989) nicht immer zu. Je berühmter er wurde, desto schwieriger war es, Ruhe fürs Schreiben zu finden. Zudem beschäftigten den in Paris lebenden Iren, der eigentlich als „unpolitischer“ Autor gilt, unweigerlich die fast schon bürgerkriegsartigen Zustände, die in seiner Wahlheimat Frankreich in den Fünfzigerjahren zeitweise herrschten. Grund dafür war der grausame Algerienkrieg, in dem sich das nordafrikanische Land von der Kolonialmacht befreite. Von all dem handeln Becketts Briefe aus den Jahren 1957 bis 1965, die aber auch zeigen, mit welchen Alltäglichkeiten sich der große Autor („Warten auf Godot“) herumschlug. Das ist fast amüsanter als die geistigen Höhenflüge, die sich in der Korrespondenz ebenfalls finden. Ein Selbstporträt des Nobelpreisträgers als alerter Kauz.

Samuel Beckett: „Wünsch Dir nicht, daß ich mich ändere. Briefe 1957 bis 1965“. Suhrkamp Verlag, Berlin, 902 Seiten; 58 Euro

Empfehlung von Alexander Altmann 

Tänzerin als Mama

Nicht nur für Tanzfans! Die Autobiografie von Isadora Duncan (1877-1927) ist ein faszinierendes Zeugnis, wie die Kunst ihres revolutionären Tanzes ganz aus ihrer freiheitsliebenden, lebenshungrigen Persönlichkeit erwachsen ist. Sie tourt zwischen Europa und Russland, verkehrt mit der intellektuellen Elite. Berühmt und reich, gründet sie kostenlose Tanzschulen und lebt verschwenderisch bis zur Pleite. Sie wird Mutter von drei Kindern und bleibt eine immer wieder glühend Liebende bis zu ihrem tödlichen Autounfall mit 50.

Isadora Duncan: „I’ve only danced my life“. Parthas, 336 S.; 19,90 Euro.

Empfehlung von Malve Gradinger

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