"Weil wir die Besten sind"

Bayreuth - Offiziell steht das Thema nicht auf der Tagesordnung. Doch unter dem Punkt "Sonstiges" wird heute Brisantes zur Sprache kommen: Der Bayreuther Stiftungsrat debattiert über die Nachfolge von Festspielchef Wolfgang Wagner.

Sie nennen sich zwar "Freunde von Bayreuth", die Freunde Wolfgang Wagners sind sie aber schon lange nicht mehr. Vor einigen Wochen ist der Ehrenpräsident des Mäzenatenvereins vom Festspielleiter abgerückt, gestern legte der Vorsitzende nach: Karl Gerhard Schmidt forderte den Rücktritt des 88-Jährigen. "Ich würde es im Sinne der Festspiele und der Würde Wolfgang Wagners für richtig halten, wenn er diesen Schritt tut." Schließlich sei das Festival derzeit ohne Führung.

Die mittlerweile von vielen ersehnte Demission könnte ziemlich schnell über die Bühne gehen: wenn der Stiftungsrat Wolfgang Wagner garantieren würde, dass seine Tochter Katharina auf den Thron darf. Die 29-Jährige bietet mittlerweile zwei Joker auf - Christian Thielemann, den De-facto-Chefdirigenten der Festspiele, und seit neuestem Peter Ruzicka, bis 2006 Chef des Salzburger Festivals und davor Präsident der Bayerischen Theaterakademie.

Die Zeit spielt gegen Eva und Nike

Der Vorschlag Ruzicka ist dabei verführerisch. Auf dem oft brodelnden Grünen Hügel könnte der Komponist und Theatermanager ausgleichend wirken, dabei jene Führungskenntnis einbringen, die Katharina Wagner fehlt - und auf die Thielemann keine Lust hat.

Ein Trio somit, das Gewicht hat und das der Stiftungsrat nicht einfach überhören kann. Ein Trio auch, gegen das die inzwischen vereint operierenden Cousinen Nike Wagner und Eva Wagner-Pasquier kaum Chancen haben. Die Zeit spielt ja gegen die beiden 62-Jährigen. Bis 2015 inklusive neuem "Ring" ist Bayreuths Planung von der listigen Festspielleitung schon festgeklopft worden.

Die Verwirklichung ihrer eigenen Pläne könnten Nike Wagner und Eva Wagner-Pasquier also erst im vorgerückten Alter erleben.

Von offizieller Seite wird die heutige Sitzung kleingeredet. Bayreuths Oberbürgermeister Michael Hohl, Geschäftsführer der Stiftung, sagte, "dass mit weit reichenden und abschließenden Personalentscheidungen" nicht zu rechnen sei. Ebenso Ratsvorsitzender Toni Schmid, Ministerialdirigent im Kunstministerium: Ein Votum sei heute nicht zu erwarten.

Worüber sicherlich geredet wird, das ist der Gesundheitszustand von Wolfgang Wagner. Nicht sicher ist, ob der 88-Jährige überhaupt ins Bayreuther Rathaus zur Sitzung kommt. Bliebe er fern, wäre dies ein Affront und ließe seine Stellung nur weiter bröckeln. Die 56-jährige Amtszeit mit ihren künstlerischen und finanziellen Erfolgen ist weltweit einzigartig, davor empfindet jeder Ehrfurcht. Doch die Anzeichen häufen sich, dass er nicht mehr in der Lage dazu ist, die Festspiele zu führen.

Schon seit einigen Jahren geht auf dem Hügel nichts mehr ohne Wolfgang Wagners Frau Gudrun. Was rechtlich bedenklich und äußerst pikant ist. Verliert nämlich Wolfgang Wagner seine Entscheidungsfähigkeit, erlischt sein Vertrag. Und Bayreuth ist dünnhäutig bis panisch geworden: Tauchen in den Medien Tatsachenbehauptungen über Erkrankungen des Chefs auf, werden sofort die Anwälte mobilisiert.

Peter Ruzickas große Erfahrung

Schon einmal war ein Putschversuch gegen Wolfgang Wagner gescheitert. Der hatte 1999 ein Nachfolgeverfahren eingeleitet, um seine Frau Gudrun an die Spitze zu bringen. Doch auf Betreiben des damaligen Kunstministers Hans Zehetmair sprach sich der Stiftungsrat mit 22:2 Stimmen für Eva Wagner-Pasquier, seine verstoßene Tochter aus erster Ehe aus. Der Festspielleiter blieb daraufhin starrsinnig, behielt das Amt, worauf sich seine Tochter - vorerst - wieder zurückzog.

Solche "Unfälle" sollen nun vermieden werden. Deshalb wohl auch die Nominierung von Peter Ruzicka, der sich in der Opernszene durch große Erfahrung, vor allem aber dadurch auszeichnet, dass er nirgendwo aneckt. "Zu allem anderen als Bayreuth hätte ich Nein gesagt", sagte der 59-Jährige im "Tagesspiegel"-Interview. "Aber die Wagner-Festspiele sind ein Projekt von nationaler Bedeutung, und wenn man da helfen kann, darf man sich der Verantwortung für diese kostbare Ikone nicht entziehen."

Mit Katharina Wagner und Christian Thielemann, dem Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, dürfte Peter Ruzicka folglich bestens harmonieren. Zuversichtlich und mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein hat Thielemann gegenüber unserer Zeitung die Bayreuther Kandidatur schon mal auf die knappstmögliche Formel gebracht: "Weil wir eben die Besten sind."

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