"Weimar war meine Lehre"

- Helmut Kindler braucht man keine Fragen zu stellen, er erzählt von ganz allein. Es ist die Geschichte von einem turbulenten und bewegten Leben, die er erzählt, und zu seinem heutigen 90. Geburtstag dürfte der große Verleger erneut auf sie zurückblicken. Die Weimarer Republik war prägend für ihn. "Damals habe ich alles gelernt, Weimar war meine Lehre." In Berlin ging er zur Schule - oder besser: Er schwänzte sie häufig. "Ich war ja meistens am Theater", sagt Helmut Kindler. Eigentlich wollte er Regisseur werden, kam aber dann zur Zeitung, schrieb für Berliner Blätter und machte sich schnell einen Namen.

<P>Es war ein gewisser Raimund Pretzel, der 1938 den Grundstein für den Erfolg Helmut Kindlers legte. Pretzel war Redakteur beim Ullstein Verlag, und er hasste die Nazis. Eines Tages nahm er Kindler bei Seite. "Ich fahre heute nach London", erklärte er, "und ich komme nicht zurück." Pretzel verließ Nazi-Deutschland, wurde Publizist in Großbritannien und gab sich einen neuen Namen: Sebastian Haffner.</P><P>Beim Ullstein Verlag übernahm Kindler die frei gewordene Stelle. Kurz darauf wurde er im Alter von 27 Jahren Chefredakteur für mehrere Zeitschriften. Doch es war Krieg, Kindler musste an die Front. 1943 wurde er in Warschau verhaftet und nach Berlin gebracht. Die Nazis hatten Wind davon bekommen, dass er einer Widerstandsgruppe angehört hatte. Kindler wurde an die Front versetzt und konnte schließlich fliehen.</P><P>Nach dem Krieg begann seine Karriere als Verleger. Mit Heinz Ullstein gründete Kindler mehrere Zeitschriften. Die erste hieß "Sie", es folgten die "Revue" und die "Bravo". Unter Kollegen erntete der Verleger damit Spott. Doch in den Zeitschriften sah Kindler ohnehin nur ein Mittel zum Zweck: "Sie waren die Starthilfe für den Buchverlag." Seit den 60er-Jahren konzentrierte sich der Münchner Kindler Verlag auf das Büchergeschäft. Kindler feilte mit Regisseur Fritz Kortner an dessen Memoiren, verlegte Sebastian Haffner und Willy Brandt. Seine Lexika sind bis heute Standardwerke: "Kindlers Literaturlexikon", "Grzimeks Tierleben" und die "Psychologie des 20. Jahrhunderts".</P><P>In den 80ern verkaufte Kindler das verschuldete Unternehmen an Holtzbrinck, um in Zürich den Ruhestand genießen können. Doch auch im hohen Alter macht Kindler, was er sein Leben lang tat: Er arbeitet. Zusammen mit seiner Frau Maria, die er erst vor einigen Jahren geheiratet hat, will der Jubilar ein weiteres Buch schreiben. Der Titel steht schon fest: "Liebe einst und Liebe heute."<BR><BR></P>

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