Zum Weinen komisch

- Da rührt sich nichts. Wenn sich der Vorhang hebt und sichtbar der fast nackte, helle Raum wird, herrscht für einen Moment absolute Stille. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Der große Tisch, einziges Mobiliar auf dieser Bühne, quillt geradezu über: ein Samowar, Geschirr, Decken, ein olles Radio, Kartons mit ungeöffneten Briefen und vor allem Flaschen, hauptsächlich Wodka.

<P>Gearbeitet, das ist klar, wurde hier schon seit Wochen nicht mehr. Es wird gesoffen. Auf zwei aus den weißen Wänden herausgeklappten Sitzen thronen Astrow, der Arzt, und die alte Kinderfrau Marina. Links ragen zwei Beine in den Raum, da scheint einer sich einfach dem seligen Nichtstun hingegeben zu haben und eingeschlafen zu sein. Das Bild ist komisch und stimmt damit ein auf die folgenden zweieinviertel Stunden absoluten Tschechow-Glücks. Im Münchner Residenztheater inszenierte Barbara Frey "Onkel Wanja" - in der pfiffigen, frischen Übersetzung von Werner Buhss.</P><P>Melancholische Heiterkeit ist angesagt. Hier wird nicht sentimental gefühlt und gelitten, aber auch nicht verhöhnt und verspottet. Barbara Frey und ihre Schauspieler haben sich dem Stück von der Warte der Gleichwertigen genähert, von der Zeitgenossenschaft mit den Figuren. Nie besserwisserisch, immer ein wenig selbstironisch und in den traurigsten Momenten hinreißend komisch. So ist auch die Inszenierung, ohne je den Text banal zu aktualisieren, in der Gegenwart angesiedelt. </P><P>Gespielt mit der Haltung von heute und dem galgenhumorigen Wissen, dass sich seit Tschechows Zeiten nichts geändert hat - nichts an der Trägheit der Menschen, ihrer Verführbarkeit, ihrem Leiden an der Liebe. Das Unglück, in dem man es sich doch so schön bequem einrichten kann, ist immer das gleiche.<BR><BR>So unnaturalistisch wie der Autor es wünschte, so spartanisch ließ sich die Regisseurin von Bettina Meyer Bühne und Kostüme entwerfen. Einziger Luxus: Zwischen den vier Akten zeigt jeweils ein Video die Tschechow-Menschen bei ihrem Streifzug durch die Natur: als Utopie gedacht, als Notwendigkeit gebraucht, um den pausenlosen Übergang von Akt zu Akt, den großen schnellen Bogen des Spiels zu ermöglichen.<BR><BR>Und was für ein Spiel! Darsteller auf der Höhe ihrer Kunst. Schillernd in allen Facetten. Souverän im Umgang mit den menschlichen Schwächen, auch den eigenen. Wenn gleich am Anfang des Stücks Astrow sagt, kein Wodka, es sei noch zu schwül dafür, gab es an diesem sommerheißen Premierenabend die ersten Lacher im Parkett, und Stefan Hunstein als Astrow konnte es sich leisten zurückzulachen. Es passte. Denn Hunstein spielt diesen Arzt, seine bislang wohl beste Rolle, nicht verbittert zynisch, sondern als einen verzweifelt über das eigene Scheitern in fröhliche Lakonie verfallenen Menschen. Für sich selbst ist er schon zu einer komischen Nummer geworden. </P><P>Deshalb das Gekichere, wenn er - vermutlich zum x-ten Mal - vom russischen Wald und der Natur palavert und von den Menschen in tausend Jahren. Dass er es ernst meint, ist dennoch zu spüren. Ernst nicht nur mit der Birke, die er pflanzen will und als Symbol dafür die Wodkaflasche in die Mitte der Bühne stellt. Ernst ist es ihm auch, mit der schönen Jelena ein Abenteuer einzugehen. Da kommt er ganz schnell zur Sache, würde es mit ihr gleich im Salon treiben, öffnet schon das seidenglänzende Cocktailkleidchen, der Rücken liegt bereits frei - doch nun hat Wanja seinen störenden Auftritt. Wie der jetzt, der nur wenig vorher sich der Lächerlichkeit preisgegeben hat, als er seinerseits Jelena tapsig-dreist verführen wollte, der Angebeteten ziemlich ungekonnt den Reißverschluss wieder hochzieht, ist so rührend wie komisch zugleich.<BR><BR>Ein Mann zum Liebhaben</P><P>Überhaupt dieser Wanja. Rainer Bock spielt sich mit ihm in die erste Reihe des Dorn-Ensembles. Ein großer, alt gewordener, liebenswerter Junge, der seinen Körper wie ein Fragezeichen verbiegen kann, der Jelena hinterherrennt wie ein Pennäler. Seine Wutausbrüche zügelt er genauso wenig wie seine Liebesaufwallungen. Die Gefühle knallen Eruptionen gleich ungefiltert aus seinem laschen Körper heraus. Kein Liebhaber wie Jugendfreund Astrow, aber ein Mann zum Liebhaben. So ist auch die zärtliche Geste Jelenas zu verstehen, wenn sie nach seinem plumpen Annäherungsversuch sein Hemd vom Boden aufhebt und es ihm mit nachsichtiger Zärtlichkeit wieder anzieht.<BR><BR>Dieses Sowohl-als-auch charakterisiert diese Frau. Daher ihr Zorn - "Ich halte es nicht mehr aus" - und der gleichzeitige Kuss für ihren Mann. Dieser Hass auf ihn, dem sie ihre Jugend opfert, und der Jubel darüber, in ein paar Jahren selbst auch alt zu sein. Sunnyi Melles lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass ihre Jelena der zentrale Punkt dieses Tschechowschen Kosmos' ist. Der Katalysator, der die Menschen verwandelt. Nur sich selbst nicht. Am Ende verlässt sie mit ihrem Professor das Gut. Alle Versuchungen eines anderen Lebens zwangsläufig unterdrückend. Nun wieder durch und durch Frau Professor, schirmt sie mit der Hand ihr Gesicht ab, um im Vorbeigehen Astrow nicht in die Augen sehen zu müssen.<BR><BR>Vorher aber gibt sie sich einmal - sich selbst und dem Publikum - ganz preis. Nach einem leichten Besäufnis besinnt sich die ehemalige Konservatoriumsstudentin ihrer künstlerischen Bestimmung. Klavier will sie spielen, jetzt, mitten in der Nacht, was ihr Mann verbietet. In trunkenem Trotz und Balance haltendem Stolz schreitet sie wie eine Diva aus dem 19. Jahrhundert über die Bühne - und entlädt schließlich alles Unglück in einem wild-absurden, immer wieder hinreißend komisch gebrochenen Ausdruckstanz. Das ist so glänzend inszeniert und gespielt, so voller tragischem Witz, zum Heulen schön, zum Weinen komisch - man muss es selbst sehen.<BR><BR>Die hohe Qualität dieser Aufführung beschreibt sich natürlich nicht allein durch jene drei Darsteller. Ausgezeichnet Thomas Holtzmann als stoischer Professor Serebrjakow, Anna Schudt als jüngferlicher Blaustrumpf Sonja, Helmut Stange als Sonderling Telegin. Wenn auch Helga Grimme und Elisabeth Rath mit Amme und Mutter zu jung besetzt sind, passen sie sich dennoch höchst respektabel in den Stil dieser Aufführung ein. Großer Beifall für eine der besten Inszenierungen der ausklingenden Münchner Theatersaison.</P>

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