Der Wein-Gott als düsterer Rächer

- Schon den Zeitgenossen galt er unter den drei großen Dramatikern Athens als "der tragischste": Mehr noch als bei seinen Kollegen Aischylos und Sophokles sind in den Werken des Euripides die Menschen ausweglos verstrickt in die Launen eines blinden, willkürlichen Schicksals. Und die Götter? Geworfene auch sie, verlustig der über den Dingen stehenden Souveränität mythischer Vorzeit.

<P>Überzeugender musikalischer Ausdruck<BR><BR>Kein junger, strahlender Gott ist der Dionysos in Euripides' letzter, pessimistischster Tragödie "Die Bakchantinnen", sondern ein Unfroher, zur Rache des Todes seiner Mutter Gezwungener. Für die Versehrtheit des Gottes hat Egon Wellesz (1885-1974) in seiner gleichnamigen Oper überzeugende <BR></P><P>musikalische Ausdrucksmittel gefunden: Zart und voller Schmerz berichtet der Gott, wie die thebanische Königstochter Semele, von ihrer eifersüchtigen Schwester Agave überredet, von ihrem Liebhaber Zeus forderte, er möge sich ihr in ganzer göttlicher Gestalt zeigen, und an dem Anblick zugrunde ging. <BR><BR>In der konzertanten Aufführung des selten zu hörenden Stücks bei den Salzburger Festspielen zeichnete Roman Trekel mit klarem, bedrohlichem Bariton die göttliche Düsterheit nach. Seiner und der Leistung seiner Solisten-Kollegen vor allem waren die berührenden Momente des Abends zu verdanken: Allen voran die exzellente Agave von Eva-Maria Westbroek, die der ekstatisch verblendeten Königin, die zur Sohnesmörderin wird, mit kraftvollem, dynamisch feinst abgestimmtem Sopran tragische Größe verlieh. Trotz aller sonoren Bass-Überzeugungskraft mussten im dionysischen Taumel die warnenden Stimmen des Sehers Teiresias von Georg Zeppenfeld und des alten Königs Kadmos (László Polgár) verhallen. Raymond Very gab den von den Bakchantinnen am Ende zu Tode gehetzten Pentheus zappelig wie Ägisth, hatte dabei allerdings manchmal Schwierigkeiten, über das Orchester hinwegzukommen. <BR><BR>Die nervös pochende Partitur Wellesz' realisierte das Radio-Symphonieorchester Wien unter Marc Albrecht mit großer Präzision und federnd schlankem Blech. Der Slowakische Philharmonische Chor Bratislava stand dem an Genauigkeit nicht nach - dennoch zeigte sich hier die Crux der konzertanten Aufführung: Ohne motorische Visualisierung der von Wellesz erklärtermaßen als "Bewegungschor" konzipierten Volksmassen ging dem Stück viel von seiner archaisch-rituellen Wucht verloren, blieb die mänadische Entgrenzung kantatenhaft bieder. Matte Chaostage im alten Theben. <BR></P>

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