Der weise Klassiker

- Sie gehören zu den Ärgernissen im Sprachgebrauch der Musikliebhaber: die Beinamen mancher Haydn-Symphonien. Da werden Assoziationen einem ganzen Werk übergestülpt, plötzlich wuseln Hühner und Bären durch die Manege, wird ein Paukenschlag zur Neckerei, und in der späten Sinfonie Nr. 101 D-Dur, da tickt also "Die Uhr". Was für eine eigentlich? Keine Großvateruhr jedenfalls, wenn überhaupt.

<P>In der Deutung durch Heinz Holliger und das exzellente Münchener Kammerorchester wurde das besagte Andante, in raschem Tempo voranmarschierend, zum Essay über die unaufhaltsam verfließende Zeit, der Forteausbruch zu Beginn des zweiten Teils zu einem beunruhigenden Memento mori (Herkulessaal).</P><P>Trotz solcher Schreckmomente scheint Joseph Haydn hier von den drei "Wiener Klassikern" der "weiseste", einer, der zwar in die Abgründe blickt, aber nicht wie Mozart hineinstrudelt, einer, der die Absurdität des Lebens erkennt, allerdings ohne in tobenden Sarkasmus à` la Beethoven zu verfallen. Und geheimnisvoll-differenziert bleibt das bei aller energetischen Geistesklarheit allemal: Wenn im Trio des Menuetts zu stockenden Pianissimo-Akkord</P><P>n der Streicher Flöte und Fagott zu sprechen beginnen, dann verweilt die Musik großartig und vieldeutig zwischen Lust und Klage.<BR>Der zweite Haydn hielt mit solcher Überzeugungshöhe nicht ganz mit: Lag's an der Doppelfunktion Holligers als Dirigent und Oboist, dass die Sinfonia concertante Hob I:105 einen Eindruck der Nervosität hinterließ? Kleinste Ungenauigkeiten im Zusammenspiel und Intonationsprobleme wurden durchs energetische Zupacken von Solisten und Orchester nur teilweise wettgemacht. Aber auch Sndor Veress mitreißende "Musica Concertante" hatte zuvor bereits viele Wünsche nach einem punktgenauen und emotionalem Musizieren befriedigt.<BR><BR></P>

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