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Josef E. Köpplinger, der neue Intendant des Gärtnerplatztheaters, will viel selbst inszenieren.

Ich weiß gar nicht, was „brav“ bedeutet

Gärtnerplatztheater: Der neue Chef im Interview

München - Josef E. Köpplinger, neuer Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters, spricht im Interview mit dem Münchner merkur über seinen Amtsantritt, das „Weiße Rössl“ und das Bühnenhandwerk.

„Zuschaun kann i ned“, so heißt es in Ralph Benatzkys Singspiel „Im weißen Rössl“. Für Josef E. Köpplinger, den neuen Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters, wäre diese Reaktion fatal. Er startet in seine Intendanz mit dem Klassiker vom Wolfgangsee. Premiere ist am 11. Oktober im Fröttmaninger Zelt des Deutschen Theaters. Eine der vielen Ausweichspielstätten, die Köpplinger während der Sanierung des Stammhauses bespielen muss.

Was sagen Sie einem 15-Jährigen, der auf dem Standpunkt steht „Benatzky ist doch total uncool“?

Dann frage ich ihn, wie oft er Benatzky schon gehört hat. Das ist auch eine Aufgabe, die wir Theatermacher haben: so etwas den jungen Menschen schmackhaft machen. Man sollte erst etwas probieren, bevor man darüber urteilt, wie es schmeckt.

Sind Operetten oder Musicals noch Selbstläufer wie „Carmen“ und „Zauberflöte“?

„Im weißen Rössl“: Ralph Benatzkys Singspiel hat am 11. Oktober im Ausweichquartier, dem Fröttmaninger Zelt, Premiere.

Je populärer ein Stück ist wie das „Rössl“, desto klarer muss die Haltung dazu sein. Oft werden Stücke verballhornt und zerlegt, und das nicht aus einer künstlerischen Überlegung heraus, sondern um sie prinzipiell anders zu machen. Das finde ich nicht richtig. Wenn ich der festen Überzeugung bin, dass ich bei „La Traviata“ das Thema Aids behandeln will, dann muss ich das als Künstler tun. Was ich nicht tun darf, egal ob bei Operette oder Oper, ist, die Basisgeschichte so zu verändern, dass niemand mehr begreift, worum es geht. Klar habe auch ich manche Werke geradezu zerlegt. Es gilt aber, den Autoren und ihrem Stück Respekt zu zollen.

Also sind Sie braver geworden.

Nein. Ich weiß gar nicht, was „brav“ bedeutet. Offenbar meinen viele damit Leute, die „nur“ ihr Handwerk gut machen. Aber das ist für mich schon sehr viel. So etwas setze ich voraus am Theater. Wenn man experimentiert, dann auf handwerklich hohem Niveau.

Wie programmatisch ist das „Rössl“ zum Amtsantritt? Es hätte ja auch ein Puccini sein können.

Durchaus. Oder Strauß oder Lehár – hätte ich ein Theater gehabt, in dem ich das für perfekt gehalten hätte. Für eine Kooperation mit dem Deutschen Theater in 32 Vorstellungen en suite brauche ich aber einen passenden Stücktitel, der das trägt und dahin passt. Wir reisen gerne an diese super Spielstätte. Wir spielen außerdem die Originalfassung, die noch nie am Gärtnerplatz zu erleben war. Da erfüllen wir auch noch einen Bildungsauftrag.

Was kann man den Leuten in dieser Umbruchphase nicht zumuten?

Wenn man zu den Dingen steht, sollte man den Leuten prinzipiell alles zumuten. Andererseits haben wir auch einen wirtschaftlichen Auftrag, auch wenn man das in der Kunst nicht gerne anspricht. Man muss die Genres abwechseln und den Spielplan sehr ausgewogen halten. Man sollte auch den Tanz aus der Nische holen und in ein Musiktheater unserer Art vollständig integrieren.

In Klagenfurt waren Sie Platzhirsch, in München arbeiten Sie in einer Konkurrenzsituation. Mussten Sie Ihr Theaterverständnis umkrempeln?

Ich finde, Vielfalt belebt die Sache. Je mehr es gutes Theater an einem Ort gibt, und das sieht man in Wien, Berlin oder München, desto mehr kommen die Leute. Alle Münchner Theater zusammen wirken für mich wie ein Setzkasten, der mit unterschiedlichen Dingen bestückt wird und ein gutes Spektrum ergibt. Ich bin mir bewusst, dass das komplexeste der drei Staatstheater das Gärtnerplatztheater ist – und dies nicht nur aufgrund der Sanierungssituation. Staatsoper und Staatsschauspiel sind völlig klar definiert. Von uns verlangt man dagegen alles – vom Singspiel über Operette, Oper, Tanz und Musical bis zum Zeitgenössischen.

Glauben Sie, dass man in 40, 50 Jahren noch immer ein Programm mit Benatzky, Lehár und Spieloper bestreiten kann?

Ich bin fest davon überzeugt, dass das klappt. Jetzt mehr als vor 15 oder 20 Jahren. Man sieht das an exemplarischen Häusern wie Baden bei Wien, an der dortigen Volksoper, an Festspielen wie Mörbisch...

...aber Festivals sind keine Repertoirehäuser, locken außerdem mit besonderem Ambiente.

Und wir locken mit den Stücken. In den Verharmlosungen des musikalischen Unterhaltungstheaters in der Kriegs- und Nachkriegszeit wollte man mit diesen Werken nicht anecken. Es war die Zeit des Vergessens, nehmen Sie nur die Heimatfilme. Es gab eine Ignoranz dem gegenüber, was Operette wirklich ist. Es geht auch um Zeitkritik, um das Widerspiegeln der Depressionszeit bei Kálmán zum Beispiel. Diese Werke bedienen im Grunde die gleichen Themen wie Wagners „Ring“. Liebe, Geld, Politik. Für mich ist beides gleich viel wert.

Vielleicht hat’s die Operette auch schwerer, weil sich das Humorverständnis ändert.

Kann sein. Das ist wie bei der Sprache. Prinzipiell geht es aber darum, die Dinge einfach zu spielen. Als ich anfing als Regisseur in Regensburg, da waren jährlich mindestens zwei Operetten und ein Musical auf dem Spielplan. An manchen Häusern ist es doch heute so, dass sich keiner für Operettenregie interessiert, also lädt man sich irgendjemanden, womöglich Unmusikalischen, ein. Ich weiß nicht, wie lange ich hier überleben werde. Aber eines meiner Ziele ist es, ein Operettenstudio einzurichten. Eine solche Ausbildung schadet auch einem Opernsänger nicht.

Braucht ein Theater unbedingt einen Künstlerintendanten und keinen Manager?

Unbedingt, ja. Der spürt sämtliche Werkstätten und hat zu allen und allem Berührungspunkte. Deswegen inszeniere ich ja auch so viel im ersten Jahr, dann lernt man das Haus kennen, dann weiß man, wo man lebt und arbeitet.

Sind Sie ein Kontrollfreak?

Nein. Aber ich habe den Anspruch, das alles funktionieren muss. Wenn was nicht läuft, dann fordere ich in den Ressorts des Hauses die Eigenverantwortlichkeit ein, dass das geändert werden kann.

Und in welcher Beziehung müssen Sie noch an sich arbeiten?

Wie viel Platz haben Sie auf der Seite für dieses Interview...?

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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