Weißblauer Tanz

Bilanz von "Made in Bavaria": - "Made in Bavaria" hieß es drei Tage lang in München. Eine Weißwurst-Messe? Falsch. Oder doch in dem Sinne zutreffend, dass auch der Tanz an den Zuschauer gebracht werden muss. Elf "weißblau getönte" Choreographen präsentierten ihre Arbeiten -­ nicht als Festival, sondern als "Tanzplattform".

Ein Präsentierteller also, auch für Festival- und Tanz-/Theaterhaus-Leiter, die zahlreich aus dem In- und Ausland angereist waren. Die Stil-Palette war breit, schon zu sehen an den beiden Heim-Stars: Während Katja Wachter wieder einmal überzeugend bedingungslos ihren Körper zum Ausdruck einer gebrochenen Weltsicht einsetzt, schreibt Micha Purucker seine "bio.radar"-Themen-Abende fort.

Wohlfühl-Gespräch

Diese "Hybride", wie Purucker sie nennt, zielen mit dynamisch-aggressiven (Gruppen-)Tänzen, Experten-Vortrag zu Neurologie/Neuro-Ästhetik, Film, stärkender Suppe und Gesprächen direkt hinein in "körperkulturpolitische" Fragestellungen.

Stilvielfalt auch bei dem Nachwuchs. Der junge Philip Bergmann könnte Hoffnungsträger sein für einen neuen Tanz der Innerlichkeit. Zum meditativ zarten "Ping-ping" zerspringender Tonschalenglasuren ist sein "meinland" für zwei exzellente Tänzerinnen ein kalligraphisches Poem in der Nähe des japanischen Nô-Theaters. Stefan Dreher und seine Partnerin flüchten sich als gefühlserkaltetes Paar unter anonyme Papiermasken und, konzeptuell wenig schlüssig, in gestische Verausgabung. Dreher führt hier, so der Eindruck, einfach mal seine Körperfertigkeit vor.

Dramaturgische und formale Schwächen auch bei anderen. Thomas Kopp, Leiter des tanzSpeichers Würzburg hat ohne Zweifel ein klare Grundidee: "80 Zentimeter als Wohlfühl-Gesprächsdistanz". Aber seine "Tischgespräche" verlieren sich in Wiederholungen. Die in Regensburg arbeitende Berenika Kmiec, sichtbar pantomimisch ausgebildet, ist eine sehr eindringliche Darstellerin. Ihre kurzen (Traum-)Sequenzen jedoch bleiben bis auf zwei, drei Momente beliebig. Panja Fladerer & Luc Richard verfügen zwar über viel technisches Können, aber ihre Boden-Endlosturnerei ­- das will man nicht wirklich sehen. Hilfreich wäre in Zukunft eine dramaturgische Beratung der Plattform-Teilnehmer.

Erklärtes Ziel des veranstaltenden Vereins Tanzbasis München ist es ja, mit seiner "Access to Dance"-Schiene Qualität und Ansehen des Tanzes zu verbessern. Ein Schritt zur Hebung des Niveaus ist da schon die Präsentation der Britin Rosemary Butcher, international eine der profiliertesten zeitgenössischen Tanzschöpferinnen und Vorbild für die nachwachsende Generation. Ihre hier 2004 (ur-)aufgeführten Arbeiten -­ vollendete Kunstwerke eines die menschliche Existenz berührenden Minimalismus und jetzt nochmals zu sehen ­ sind bereichernd, auch für den Zuschauer.

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