Aus weiter Ferne

- Irgendwann sind sie nicht mehr da, die Menschen, die man fragen könnte, immer fragen wollte nach der Vergangenheit der Familie, der Wirklichkeit, noch ehe sie zurechterinnert wurde. Und tat man es doch, haben diese Vorfahren vielleicht zeitlebens die Antworten verweigert. Haben in den immer gleichen Rollenverteilungen - der Opa, die Oma und ihre Tochter - sorgfältig ausgewählte Erfahrungsschleifen abgespult. Bis alle den Sermon von Krieg, Flucht und unabwendbarem Schicksal auswendig kennen und vor Überdruss an ihm das Zweifeln vergessen. So geht es Freia und Paul, dem Zwillingspärchen in Tanja Dückers' hartnäckig nachforschendem und doch friedvollem Generationen-Roman "Himmelskörper".

<P>Die etwas stilisierte Konstruktion - der zarte, musische Junge und seine burschikose, naturwissenschaftlich interessierte Schwester - stellt sich doch noch als sehr charmant heraus: eine kindliche Lebensgemeinschaft, deren Symbiose sich nur allmählich und durch traurige Liebeserfahrungen mit Wieland - zuerst ihr, dann sein Freund - auflöst. Bis dahin aber bilden die Geschwister einander eine Insel der Geborgenheit und des Schutzes gegen die emotionalen Übergriffe der Erwachsenen: die irritierende Kühle der immer scheinbar im Verschwinden begriffenen Mutter, die heuchlerische Geheimnistuerei des Vaters um seine Feen, die er nachts im Wald trifft. Und die hartnäckige Präsenz der Großeltern mit ihren stereotypen Phrasen.</P><P>Das Porträt einer Nachkriegsfamilie</P><P>Die Schaffung einer zärtlichen Fantasiewelt durch die enge Bindung der Geschwister beschreibt Tanja Dückers. Das Porträt einer nicht ganz typischen, aber doch leicht verallgemeinerbaren Nachkriegsfamilie zeichnet sie und beweist dabei große Sensibilität für deren verborgene Schwachpunkte und gewollte blinde Flecken.</P><P>Vor allem dokumentiert sie den Umgang ihrer Generation, der heute Dreißigjährigen, mit der Vergangenheit der Großeltern: das beschämte, vorsichtige Alles-wissen-wollen. Und so wie die Ich-Erzählerin Freia, inzwischen Meteorologin mit dem Spezialgebiet der Wolkenarten, geduldig und mit Erfolg auf den seltenen Cirrus Perlucidus wartet, das seidenfeine, leicht bewegte Wölkchen, so erfährt sie, undeutlich und aus weiter Ferne, endlich auch von der Wahrheit um ihre Familie und die Umstände, die die Mutter, damals noch Kind, zur Schuldigen machten.</P><P>Dass dieses Buch, das immer wieder den Blick Richtung Himmel und seiner diffusen, luftigen Ornamente richtet, "Himmelskörper" heißt, ist übrigens dem Zwillingsbruder zu verdanken, der als Künstler die Wolken als solche empfindet und anregt, mit der Schwester zusammen die eigene Geschichte aufzuschreiben, in diesem schönen Buch nämlich.</P><P>Tanja Dückers: "Himmelskörper". Aufbau Verlag, Berlin. 319 Seiten, 16,90 Euro.<BR></P>

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