Ein weites Land tut sich auf

- "Du Du Du Du Du da Du" - wird da die Angel ausgeworfen zwischen ich und du, wird da an die Kette gelegt, oder wird das große Rettungsseil des Lebens gespannt? Jedenfalls besteht diese lautpoetische Perlenschnur, mit der Jon Fosse sein Stück "Winter" beginnt, seit Anbeginn von Mensch und Mensch, von Mann und Frau aus dem Ur-Wort der Paar-Werdung. Das lyrische Drama des norwegischen Autors der Reduktion hatte am Samstagabend an den Münchner Kammerspielen als Übernahme vom Schauspielhaus Zürich Premiere.

<P class=MsoNormal>Jossi Wieler inszenierte dieses Spiel der gigantischen Leerräume um mal hingestreute, mal gestanzte, mal verhemmt tröpfelnde Worte und Satzstücke. Fosse tippt mit ihnen an, was wir alle über die Beziehung der Geschlechter wissen, selbst erleben, auf der Bühne und der Kinoleinwand, im Roman und in der täglichen Fernsehserie vorgesetzt bekommen. Dieses Paar-Muster wiederholt sich seit Jahrtausenden und ist doch immer neu: ob Vergil, Strindberg oder Loriot, ob "Sex and the City" oder "Der letzte Tango in Paris". Fosse zeigt das alles, ohne es zu zeigen. Ein "Verdammt ich rede mit dir" oder ein "Ich bin ja deine Frau" oder das "Schön dich wiederzusehen" rufen aus unserem Paar-Fundus zahllose Geschichten hervor - in sämtlichen Varianten.</P><P class=MsoNormal>Der Regisseur versucht, dieses Leerstellen-Drama so effizient zu inszenieren, wie es Fosse geschrieben hat: nur kein unnötiger Zusatz. Auch das Bühnenbild von Anja Rabes hält sich an das Gebot der Knappheit - und der Kälte. Eher Seelenkälte als niedrige Temperatur. Eine überdimensionierte Lamellenwand, die Bühne in leichter Diagonale durchtrennend, markiert mal mit abstrakten Farbbahnen den Park, mal, geöffnet, das Hotelzimmer. Die Parkbank in jenem abweisenden, gewissermaßen fest verschweißten Design öffentlichen Mobiliars verwandelt sich dann in ein Bett. Solch einen Kühlraum betritt "Der Mann" (André´ Jung) im schwarzen, geschlossenen Mantel - in sich geschlossen, starr wie ein Käfer in seinem Chitinpanzer. Die Bewegung schleichend, erlahmend, verdruckst. Die Liebe wird ihn "aufweichen". Ganz sommerlich gewandeter, lässiger Schlaks dagegen "Die Frau" (Sylvana Krappatsch). Aber das ist nur geheuchelt. </P><P class=MsoNormal>Die Kokons gesellschaftlicher Souveränität sind zerschlissen. Das machen die beiden Schauspieler mit ihrer vielschichtigen Körpersprache zwischen Steifheit der Irritation, unbeholfenen Zärtlichkeitsversuchen und Verlegenheits-Verkrampfungen deutlich. Ohne aber ihr Handwerk auszustellen, ohne ein gut gemeintes, finger-zeigendes Zuviel, dafür mit viel Charme, ja Witz. Genauso pointiert eröffnen uns Krappatsch und Jung, die man an den Kammerspielen nun öfter sehen wird, die scheinbaren Leerräume zwischen den Satz-Fragmenten. Ein weites Land tut sich auf - für jeden Zuschauer ein eigenes.</P>Regisseur Jossi Wieler spricht heute um 19.30 Uhr beim Theaterforum Münchner Stadtbibliothek, Gasteig.

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