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Andres Lepik, Chef des Architekturmuseums und TU-Lehrstuhlinhaber: „Wenn Politiker Fehler machen, kann man das ausbügeln oder neu wählen. Wenn Architekten Fehler machen, dann stehen diese zwei, drei Generationen herum.“

Großes Merkur-Interview

Welchen Lebensraum wünschen wir uns?

München - Der neue Direktor des Architekturmuseums: Andres Lepik spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über die geschlossene PDM, Pläne und die Stadt München.

Andres Lepik ist der neue Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München. Und damit außerdem Inhaber des Lehrstuhls für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis. Lepik, der auch publizistisch tätig ist, wurde 1961 in Augsburg geboren und arbeitete zuletzt am New Yorker Museum of Modern Art und für die Graduate School of Design der Harvard University. Der Nachfolger von Winfried Nerdinger muss in einer denkbar schlechten Phase starten: Ab Februar 2013 schließt die Pinakothek der Moderne für einige Monate, das heißt, auch die dortigen Ausstellungsräume des Architekturmuseums müssen verwaist bleiben.

Wie gehen Sie mit dem Problem der geschlossenen PDM um?

Ganz positiv! Für mich ist das eine wunderbare Chance, erst einmal mit den Kollegen aus der Pinakothek der Moderne ein Konzept zu entwickeln, wie wir zusammenarbeiten können. Wie finden wir Formate, die auch später im wiedereröffneten Haus tragfähig sind? Das ist eine gute Möglichkeit, sich kennenzulernen. Und für mich heißt es, dass es nun nach all den großen Ausstellungen, die das Architekturmuseum in den letzten zehn Jahren gezeigt hat, einen Moment der Besinnung, des Atemholens gibt. Nach der Wiedereröffnung fange ich mit einem neuen Programm an.

Sie hatten die Lösung mit der Schaustelle, der temporären Plattform, für die vier Museen der PDM vorgeschlagen.

Die drei Direktoren Klaus Schrenk (Staatsgemäldesammlungen), Michael Semff (Graphische Sammlung) und Florian Hufnagl (Neue Sammlung, Anm. d. Red.) hatten mich angerufen, schon bevor ich berufen wurde, und erklärt, dass die PDM geschlossen werden muss: Das sei die schlechte Nachricht. „Die gute ist: Haben Sie nicht eine Idee, wie wir temporär etwas bieten können – ein Zelt oder Ähnliches?“ Dann fiel mir der Wettbewerb für die Berliner Kunsthalle ein, aus dem nichts wurde. Es gab aber die Entwürfe der Architekten. Jürgen Mayer H. kenne ich ganz gut. Sein Konzept hatte ich bei einem Studiobesuch gesehen. Im Hinterkopf hatte ich, dass das Objekt ungefähr die Größe besitzt, die wir in München brauchen.

Und was kann zum Beispiel das Architekturmuseum in der Schaustelle bieten?

Wir wollen mit Workshops, Vorträgen, Filmvorführungen reingehen. Alles, was temporär ist, kann in diesem Bau auf Zeit gezeigt werden. Das Interdisziplinäre, das Zusammenwirken mit den anderen Gattungen ist uns wichtig. Schließlich arbeiten viele Architekten künstlerisch, und viele Künstler und Designer sind an der Architektur interessiert.

Das klingt mehr nach einem Programm für Fachleute und nicht so sehr nach einem für Normalbesucher.

Nein! Für alle, die vor der verschlossenen PDM stehen, soll etwas geboten werden – aber eben nichts, was man im Gebäude ebenfalls machen könnte. Im Pavillon haben wir kein Museumsklima; wir können also keine Originale zeigen. Wir wollen dennoch Breitenwirkung – von der Lego-Baustelle für Kinder bis zur Begrünung, „urban farming“... Wir sammeln gerade mit den Kuratoren Ideen. Für die Stadt soll das ein Ort werden, von dem man sagt: „Da gehen wir alle gern hin.“

Wie könnte die Zusammenarbeit konkret aussehen? Bei Gemälden oder Zeichnungen ist das nicht einfach.

Aber es gibt Fotografie, Videofilme, die Architektur oder Design dokumentieren. Oder ein Zusammenwirken mit Künstlern, die an den Wänden malen, zeichnen. Außerdem sind Gespräche möglich, die die Grenzbereiche der Disziplinen ausloten.

Was müssen Architekturpräsentationen Ihrer Ansicht nach leisten?

Der Besucher muss etwas bekommen, was er nur in der realen Ausstellung erleben kann – und nicht mit dem Katalog, wenn er ihn durchblättert, nicht im Internet. Es muss ein originales Raumerlebnis entstehen. Wenn der Betrachter rausgeht, muss er sagen können: „Das hat mir gefallen; oder: Ich habe etwas gelernt.“ Im Glücksfall trifft beides zu. Der Ausstellungsraum muss zum Erfahrungsraum werden – damit kann man viel gestalten. Für den Besucher muss klar sein, dass eine Architekturpräsentation mehr ist, als Pläne aufzuhängen und Modelle aufzustellen. Winfried Nerdinger hat das wunderbar gezeigt. Hier will ich weitergehen – natürlich auch mit anderen Themensetzungen.

Was wären die?

Für mich ist in den vergangenen Jahren die Frage wichtig geworden, was bietet die Architektur der Gesellschaft im Ganzen? Ist Architektur also nur eine Dienstleistung für Menschen, die sie sich leisten können, oder ist sie etwas, das alle angeht? Bauten stehen ja zu 99 Prozent im öffentlichen Raum. Architektur prägt den Raum, ob der Kindergarten für die Kleinen, ob selbst der Weg dorthin, ob Wohngebäude. In den letzten Jahren haben wir beim Bauen eine große Sensibilität für die ökologische Nachhaltigkeit erreicht. Jetzt muss die Debatte um die soziale Nachhaltigkeit geführt werden: Was bedeutet ein Gebäude für die Gesellschaft? Wenn Politiker Fehler machen, kann man das ausbügeln oder neu wählen. Wenn Architekten Fehler machen, dann stehen diese zwei, drei Generationen herum. Was wünschen wir uns eigentlich für eine Lebensumgebung? Das muss man auch aus einer globalen Perspektive sehen. Stichwort: Asylbewerber. Das wäre eine Frage – etwa an die Studenten: Wie kann man preiswert und zugleich qualitativ hochwertige Räume schaffen für Menschen, die selbst nicht Auftraggeber sein können?

Gibt es schon ein paar Ausstellungspläne, die Sie nennen können?

Ich habe mehrere Ideen, aber die sind noch nicht spruchreif. Ich möchte auf alle Fälle die Frage aufgreifen: Wie kann man Architektur heute ausstellen? Architekten werden aufgefordert, Räume für die Schau zu bauen. Dann würden wir nicht Modelle und Pläne zeigen, sondern die Architekturausstellung wäre selbst ein Architekturraum. Das andere, auf das ich unbedingt hinsteuere, ist unsere Sammlung selbst. Für mich ist das ein wichtiger Prozess, dass ich in die Sammlung eintauche und alle Schätze sichte. Wir haben als Museum auch den Auftrag, das, was wir sammeln, der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das dritte Thema wäre: Was bewegt die Architektur heute – was bewegt die Gesellschaft? Daraus kann man verschiedene Projekte entwickeln.

Wie funktioniert die Verzahnung mit dem Lehrstuhl?

Das Gute ist, dass er eine neue Ausrichtung bekommen hat. Es geht um Architekturgeschichte – und um die kuratorische Praxis: Wie geht man mit Raum um, wie präsentiert man Objekte? Das ist ein Zusatzangebot, denn die wenigsten Studenten werden später ihr eigenes Architekturbüro gründen können.

Frage an den Zugereisten: Wie stellt sich die Architektur Münchens für Sie dar?

Es ist fast noch zu früh, um etwas dazu zu sagen. Aber der erste Eindruck: Es gibt eine große Offenheit für das Fremde, das hereinkommt, der geförderte Wohnbau hat hier eine gute Tradition. Auf der anderen Seite ist die Stadt schon so weit durchgestaltet, dass es kaum mehr Platz für Zuzug gibt. Die Gefahr ist immer, dass nur die hohen Einkommensklassen im Zentrum leben. Man müsste das jetzt so steuern, dass ein gutes Mischungsverhältnis in der Stadt bleibt.

Das Gespräch führte

Simone Dattenberger

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