Auf der Wellness-Farm

- Mit Annäherungen an Theater und Bildende Kunst versucht der Tanz, sich jetzt schon seit über 30 Jahren neu auszuloten. Integriert in seine Dramaturgie auch totale Bühnen-Amateure, um nochmals Neuland zu entdecken. Dies nicht gerade grandios erfolgreich. Einer jedoch ist da ernst zu nehmen: Felix Ruckert mit seinen kontakt-wolllüstigen Publikums-Grenzgängen - kitzlige Absturzgefahr immer inklusive. Münchens Tanzwerkstatt Europa (TWE), Ruckert-Fan seit Anbeginn, präsentierte als glorreiches Finale sein im Februar uraufgeführtes "Deluxe Joy Pilot".

<P>Die Muffathalle - eine Wellness-Farm. Sanftes gesprenkeltes Licht. Sanft glucksende Dauer-Ströme von Relax-Klängen. Der "Pilot" stellt die Zuschau-Möglichkeiten zur Wahl: die Zaghaften lagern dann in den "passiven" pneumatischen Plastiksesseln. Die Mutigen auf den "aktiven" erhöhten Deluxe-Liegen. Und während dieser Wellness-"Lotse" sich schon an den Reflexzonen eines Gebetteten betätigt, auch einige Tänzer im beruhigend fortflutenden Sound andere Liege-Gäste mit physiotherapeutischen Griffen behandeln: Hüft-Gelenke lockern, die glückselig schlaff sich ergebenden Körper hin- und herwenden, wiegen umbetten, beginnen die restlichen Tänzer auf der freien Arena-Fläche: jetzt ein Solo, dann ein Duett, das sich gleich mit weiteren Tänzern multipliziert zu einem eng und dicht rangelnden, umeinander glitschenden, flutschenden Haufen.</P><P><BR>Das alles findet (bis auf eine körperlich vehemente, sich anbiedernde viel zu laute Sequenz) in einer friedlich gelösten Atmosphäre statt. Tanzen und therapeutische Aktion mit den Zuschauern überlagern sich, bilden Eins - und machen so auch für den (anscheinend) passiven Zuschauer den Körper besser erfahrbar: in seiner Masse, seiner Trägheit, seinem Gewicht, in seiner natürlich gesunden und seiner tänzerisch fantastischen Beweglichkeit.</P><P><BR>Vom Paukenschlag mit "Hautnah" 1996 (ein Tänzer, ein Zuschauer im Séparée!) über das riskant intime tanzlose "Schmuse-Stück" "Schwartz" 1998 und den noch etwas naiv zerfließenden gruppendynamischen "Ring" 1999 hat Ruckert sich vorgearbeitet zu einer sehr persönlichen Form. Grenzüberschreitung zum Publikum wird hier nicht nur behauptet. Sie ist real - und reine "Joy"/"Freude".<BR></P>

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