Die Welt ist ärmer ohne ihn

- München - "Ich bedaure, dass das Leben sehr kurz ist. Und es wäre scheußlich, wenn es viel zu lang wäre." Peter Ustinov, der 1990 von der britischen Königin zum Ritter geschlagen wurde, hatte noch ein nahe liegendes Ziel: am 16. April seinen 83. Geburtstag zu feiern. Er sollte es nicht mehr erreichen. In der Nacht zum Montag ist der Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur, Alleinunterhalter und Menschenfreund Peter Ustinov in einer Klinik in Genolier bei Genf gestorben, unweit seines Wohnorts Bursins oberhalb des Genfer Sees.

<P>"Mut ist keine Vorbedingung für den Verlust des Lebens", sagte er einmal. Aber Mut wird er gebraucht haben, das Leben zu halten, vor allem in den letzten zwei Monaten, die er im Krankenhaus verbringen musste, geschwächt und an den Rollstuhl gefesselt. Zuckerkrankheit und Probleme mit dem Herzen forderten ihren Tribut. Die Welt ist ärmer ohne ihn. Uns Gegenwärtige lehrte er, wie nah das Lachen dem Tod ist.</P><P>"Wenn ich für einen Tag König wäre,<BR>würde ich alle Reformen auf morgen verschieben."<BR>Peter Ustinov</P><P>Dieser Mann wurde verehrt und, vor allem in Deutschland, geliebt - von Armen und Reichen, Kindern und Erwachsenen, Frauen und Männern, Linken und Rechten, Christen und Atheisten. Ein internationaler Star ohne Starallüren. Einer, der im Hotel den Portier und das Zimmermädchen mit Handschlag begrüßte, der mit der Queen tanzte und mit dem Papst dinierte.</P><P>Ohne sich auch nur im geringsten vereinnahmen zu lassen, war er an jedermanns Hofe ein umworbener Gast. Ein Mann universaler Bildung und Begabung. Ein barocker Weltbürger und Humorist, vielsprachig, international, dem alles im Leben zu einem sinnlichen Ereignis geriet. Und der diese Lust am Denken und Erkennen, am Forschen und Formen, am Lachen und Genießen auf seine Zuschauer übertrug. Seine Zuversicht war seine Lebensphilosophie. Denn: "Ein Optimist ist jemand, der genau weiß, wie traurig die Welt sein kann, während ein Pessimist jemand ist, der täglich neu zu dieser Erkenntnis gelangt."</P><P>Peter Ustinov - 1920, wie er versicherte, in Leningrad gezeugt - wurde als Sohn einer französischen Bühnenbildnerin und eines russischstämmigen deutschen Korrespondenten in London geboren. Sein eigentlicher Name: Petrus Alexandrus von Ustinov. Er wuchs in England auf, allerdings mit einem deutschen Pass. Sein Vater war Presseattaché´ der Deutschen Botschaft in London, bis er sich mit Hitlers Außenminister Ribbentrop überwarf und britischer Spion wurde. Ustinov: "Wenn in der Schule mal jemand nett zu mir sein wollte, dann erzählte er mir: ,Mein Vater sagt immer, die deutschen Schützengräben im Krieg waren viel sauberer als die französischen. Dann musste ich zugeben, dass meine Mutter Französin war."</P><P>Peter Ustinov war ein dickes Kind. Vor Hänseleien seiner Mitschüler rettete er sich mit seinem Witz und dem Talent, die Lehrer zu parodieren und andere zum Lachen zu bringen. Zeit seines Lebens verbarg er hinter dieser Lustigkeit seine verletzliche, verschlossene Seele. Wer ihn bei seinen vielen Auftritten in München - als enger Freund August Everdings war er häufig Gast in dieser Stadt oder auch bei den Richard-Strauss-Tagen in Garmisch-Partenkirchen - wer ihn also hier je direkt erleben durfte, konnte sich von der Sensibilität des Künstlers ein Bild machen. Wie eine Membran überzog Heiterkeit seine Physiognomie, dahinter aber lag durchschimmernd das empfindliche, zweifelnde, wache Gemüt eines großen Künstlers.</P><P>"Humor ist einfach eine komische Art, ernst zu sein."<BR>Peter Ustinov</P><P>Ustinov war gerade erst 18 Jahre alt, als er - nach Schauspielunterricht am Londoner Theater-Studio - mit eigenen Sketchen im Player's Club debütierte. 1940 kamen der Film, in den 50er-Jahren das Fernsehen hinzu. Der Ruhm ereilte ihn 1952: In dem Hollywood-Schinken "Quo vadis" spielte Ustinov den verrückten Kaiser Nero. Für seine Rolle des sadistischen Gladiatoren-Schinders Lentulus Battiatus in "Spartacus" wurde er mit dem "Oscar" ausgezeichnet. Der zweite "Oscar" folgte 1964 für "Topkapi". Eine seiner Paraderollen: Agatha Christies belgischer Meisterdetektiv Hercule Poirot. Und jüngst erst faszinierte er als sächsischer Kurfürst Friedrich der Weise in dem Film "Luther".</P><P>Jetzt ist Peter Ustinov, der mit seinem Genie so verschwenderisch umging, abgetreten von der Bühne des Lebens. Allen, die ihn liebten, wird er fehlen. Am meisten den Kindern der Welt, als deren Anwalt er sich fühlte, denn: "Ich habe viel Liebe bekommen. Aber ich wusste nicht, wie ich sie zurückgeben sollte. Ich hatte keine Brüder und Schwestern. Aber ich habe durch Unicef einen Weg gefunden." Peter Ustinov war seit 1968 Unicef-Botschafter gewesen.</P>

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