Der Welt entgegen

- Wer bin ich? Falls es überhaupt möglich ist, der Kunst so etwas wie "Eigenschaften" zuzuschreiben, dies könnte eine ihrer wichtigsten sein: dazu zu bringen, sich Rechenschaft zu geben über die eigenen Gefühle, über die eigene Art, der Welt entgegenzutreten. Deren Gesetze allerdings sind schwer zu fassen - sie befinden sich größtenteils in Seelenbereichen jenseits der Logik sprachlichen Denkens.

<P> Die Begegnung mit Kunst mag also das eine oder andere Rätsel aufgeben, gut so. Solch inspirierende Rätselhaftigkeit lag über dem siebten Theatergemeindekonzert der Münchner Philharmoniker unter Lothar Zagrosek.<BR><BR>Es stellte zwei Werke einander gegenüber, zwischen deren psychisch-emotionalen Sprachen Welten zu liegen scheinen. Von Schönheit und Anstoß des Spröden erzählte Igor Strawinskys Kantate für Sopran, Tenor, Frauenchor und kleines Orchester. Keine emotionale Lesbarkeit im herkömmlichen Sinne - die gängigen Ausdrucksformeln abendländischer Musik hat Strawinski bewusst vorenthalten.<BR><BR>Interpretatorisch überzeugte Alison Browner in der Sopranpartie durch Transparenz und die Nuanciertheit des Muttersprachlers; Markus Schäfer war in den Weiten der Philharmonie die Tragfähigkeit seines kraftvollen Tenors von Vorteil.<BR><BR>Kammermusikalisch klar auch das Musizieren der Frauenstimmen des Philharmonischen Chores und der Instrumentalsolisten; am Ende ein Eindruck lichterfüllter Fremdheit.<BR><BR>Kaum weniger verunsichernd trotz der scheinbaren Vertrautheit ihrer spätromantischen Musiksprache: Anton Bruckners sechste Symphonie. Bruckner, der weltabgewandte musikalische Mystiker? Von wegen! Unter Zagroseks energetischer Leitung realisierten die Philharmoniker die Partitur mit feinsten Nuancen zwischen Inbrunst, Trauer und dionysischer Maßlosigkeit.</P><P> </P>

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