Die Welt zu Gast bei Freudianern

- Wenn es um weltmeisterschaftstaugliche Gesten geht, ist Sven Regener ganz vorn. Nach beinahe jedem umjubelten Song der Gruppe Element of Crime in der Münchner Tonhalle reißt er die Fäuste nach oben, das Gesicht versinkt grinsend zwischen Schulterpolstern, über den Schnittlauch-Schopf gestreckt glänzt des Sängers Trompete wie die begehrte Fifa-Trophäe.

Dabei hat die Musik, die hier abgefeiert wird, so gar nichts von Schlachtgesängen - hier werden alte Wunden geleckt, Traumata verhandelt, Neurosen beschnuppert. Die Welt zu Gast bei Freudianern.

Doch ist es nicht zum Jubeln, wenn einer schon seit 20 Jahren gut gelaunt und eloquent die Themen beackert, um die sich auch im eigenen Leben alles dreht? Dass man, wenn alles in Scherben liegt, wieder rein und dumm sein will wie weißes Papier. Dass man sich, wenn die Liebe noch neu und gut ist, freut, wenn der Winter kommt - da wird's früher dunkel. Dass man irgendwann springen muss, und sei es nur vom Drei-Meter-Brett.

Die Zeiten, in denen Regener sang wie ein Schauspieler - die Worte abschliff und zerdehnte - sind schon länger gezählt, und das ist gut so, denn es befreit die Musik von aufgesetzter Künstlichkeit. Die nötige Atmosphäre schafft die Band: Chansons vom Speicher, Rock aus der Rumpelkammer, allen voran Gitarrist Jakob Ilja, der die Rhythmus-Kulisse mit seinem Instrument mal melancholisch, mal heiter anstreicht, als wär's ein Pinsel.

Ein virtuoser Techniker, der aber am wirkungsvollsten ist, wenn er charmant schief neben der Spur spielt. Wenn dann Sven Regener noch klagend ins Horn stößt, klingt diese Musik wie das Beste von Tom Waits nur nicht so brutal. Deutsches Bier statt Bourbon.

Dazu passt Regener als Typ natürlich perfekt. Spätestens nach seinen Büchern über die verkrachte Existenz Herr Lehmann sieht wohl so mancher auch den Autor als schusseligen Bohemien. Wie viel auch immer da dran sein mag - ein wenig scheint es ihn selbst zu befremden, dass die Menge bei jeder seiner Ansagen in Gelächter ausbricht. Im Grunde will er's wohl so: Als Rausschmeißer wiederholt er endlos John Lennons Zeilen "Nothing's gonna change my world". Keine schlechte Welt, in der ein kauziger Minnesänger bejubelt wird, als hätte er gerade den entscheidenden Elfer verwandelt.

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