Welt gerät aus den Fugen

- Verwöhnte Touristen, die in exotischen Ländern - ob im Dschungel oder der Wüste - plötzlich auf sich allein gestellt sind, hat's im wirklichen Leben wie in der Romanwelt schon Tausende gegeben. Insofern verheißt der neue Roman des amerikanischen Bestsellerautors Andrew Pyper vordergründig nichts Neues: Zwei schnöselige Jungunternehmer aus Kanada reisen nach Brasilien, um dort den großen Deal für ihr bahnbrechendes Internetprojekt einzufädeln. Weil in tropischen Nächten die Triebe außer Kontrolle geraten und Alkohol den Verstand lähmt, manövrieren sich die geschniegelten Burschen schnell in eine aussichtslose Lage.

<P>Globales Gewissen</P><P>Mitsamt einer kleinen Schar von Mitarbeitern werden sie von Rebellen in die grüne Hölle des Amazonas verschleppt. Natürlich kommt es zur Flucht, dem der klassische Überlebenskampf im Dschungel folgt. </P><P>Dennoch: Die etwas abgedroschen wirkende Rahmenhandlung ist es nicht, die den Roman zu einer atemlos absolvierten Ferienübung macht. Diese dient Andrew Pyper nur als Vehikel für die ebenso effektvolle, wie außerordentlich spannende Inszenierung seines eigentlichen Anliegens: Die Moral. Und wieweit sie das Denken und Handeln des modernen Menschen noch bestimmt. Die New-Economy-Heroen Marcus und Jonathan haben nämlich "Hypothesys" erschaffen, eine Website, die Menschen in allen Lebenslagen hilft, sich stets richtig zu entscheiden. Die Software ist gefüttert mit den global existierenden Wertvorstellungen, und ermittelt bei einer konkreten Anfrage aus diesem Riesenfundus eine Antwort, die quasi der Entscheidung eines universellen Gewissens gleichkommt. Eine Wahnsinnsidee, die weltweit einen Maßstab setzt für ethisches Handeln. Und doch zum Scheitern verurteilt ist.</P><P>Denn dass die moralischen Instanzen nicht nur versagen, wenn der Mensch in Extremsituationen überleben will, sondern auch, wenn er beruflich wie privat sein eigenes Ding durchzieht, ist die Botschaft, die hinter dem Psychokrieg im Dschungel Brasiliens steht. Für den Erfolg muss man Opfer bringen: Das eigene Gewissen bleibt dabei meist zuerst auf der Strecke.Matthias Busch<BR>Angst vor der Globalisierung? Befürchtungen wegen der geballten Kraft multinationaler Konzerne? Sorge um den Verlust der regionalen Identität? Alles dumpfe Gefühlsduselei aus einer rückständigen Zeit, die in der erschreckend realistisch erscheinenden Welt, die Max Barry in seinem "Logoland" entwirft, längst überwunden ist. </P><P>Mord als Promotion-Gag</P><P>Die Macht teilen sich weltweit agierende Unternehmen, die - zusammengeschlossen in zwei konkurrierenden Bonussystemen - mit harten Bandagen um Kunden ringen. Angestellte haben ihre Identität den Firmen geopfert und nennen sich nach ihnen. Schulen leben vom Sponsoring. Die Notrufnummer funktioniert nur bei gültiger Kreditkarte. Die Polizei ist korrupt, da privatisiert. Und weil niemand mehr Steuern zahlt, fehlt der Regierung das Geld, um dem zügellosen Treiben der Konzerne Einhalt zu gebieten.</P><P>Selbst als die Marketing-Fuzzis von Nike - Max Barry benutzt nur reale Marken- und Firmennamen - zur Markteinführung ihres sündteuren Sportschuhs beschließen, in einer beispiellosen Promotionaktion einkaufende Teenies über den Haufen zu schießen, hat die Regierung kaum Mittel, die Täter dingfest zu machen. Nur die beherzte Agentin Jennifer Government stellt sich den Giganten des Kapitalismus, und muss erfahren, dass die Kids nicht die einzigen Opfer einer entfesselten Marktwirtschaft bleiben werden.</P><P>Die Angst machende Banalität ungezähmter Macht, wie sie Max Barry in lakonischer Sprache gepaart mit bitterböser Ironie vorführt, treibt einen durch seinen wahnwitzigen Globalisierungsthriller, der um so mehr elektrisiert, weil er so bestechend logisch daherkommt.</P><P>Die schrill erscheinende Szenerie als ausufernde Fantasie eines schrägen Autors abzutun, fällt schwer. Vielmehr erweist sich Barry als kenntnisreicher Beobachter der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen: Die darauf aufbauenden Fiktionen muten da fast zwingend an. Ein Buch, das den Leser nicht los lässt, weil es seine Welt ist, die der Autor aus den Fugen geraten lässt. Kein Wunder, dass sich Steven Soderbergh und George Clooney die Rechte für eine Verfilmung gesichert haben . . .</P><P>Logoland<BR>Von Max Barry. Heyne-Vlg. München 2003, 399 S., 12 Euro.</P><P>Die Handelsmission<BR>Von Andrew Pyper. List Tb. München 2003, 429 Seiten, 12 Euro.</P><P> </P>

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