Welt des Lichtglanzes

- Der 150. Geburtstag Ferdinand Hodlers (14. März) liegt jetzt fast ein Jahr zurück, doch früher waren diese 34 Ölbilder, drei Zeichnungen und die eine Porträtbronze - alles aus Schweizer Sammlungen - für die Galerie der Stadt Stuttgart nicht zu haben. Für die neu ernannte, vom Münchner Lenbachhaus gekommene Direktorin Marion Ackermann bot sich die gute Gelegenheit eines günstigen Einstands.

<P>Die "Etude pour le regard dans l'infini" (1915) kam zum Beispiel aus dem Kunstmuseum Winterthur. Modell stand 1901 bis 1916 Jeanne Cerani-Charles, in zeitweise enger Beziehung zum Künstler: eine hochgewachsene, kraftvolle Erscheinung im langen, blauen Trägerkleid, deutlich gegen den Typus der "Femme fatale" des Jugendstils gerichtet, als Symbol weiblicher Stärke. Hodler zeigt die Frau als Sinnbild von Kraft und Gesundheit, die Wiederherstellung einer jahrhundertelangen Selbstverständlichkeit.<BR><BR>Die Hodler-Huldigung umfasst die Jahre um 1878 bis 1918, dem Todesjahr. Beim Dengeln auf der mageren Wiese erscheint Hodlers Onkel Neukomm um 1878 wie der immer wieder sich selber porträtierende Maler in seinen späten Jahren. In seiner "Mühle von Sousterre bei Genf" zeigt sich Hodler als später Impressionist. In Genf, wo Hodler in erbärmlicher Armut seit 1881 ein erstes kleines Atelier hatte, malte er 1882 unter anderem die fromme Andacht der Jungen und der Alten. </P><P>Der See und die Tote</P><P>Mit den "Kahlen Bäumen im Tessin" gewann er den Blick auf blauende Berge in der Ferne, mit einer "Anbetung" um 1894 seine lyrische Knabenseligkeit und mit der Mittelfigur zum "Tag" um 1898 das rhetorische Zentralmotiv der Eurhythmie, weitergeführt durch den Reigen der "Empfindung" 1901-02 und das nackte "Weib am Bergbach". Noch ohne Frucht ist der Leib der beiden sitzenden, blau gewandeten jungen Frauen von etwa 1907, doch gebenedeit sind sie jetzt schon. Sie harren der Dinge, die da kommen sollen, innig einander zugeneigt. Die Rosenhecke hinter ihnen ist voller Unschuldsblüten.<BR><BR>Wie so oft bei Hodler sind großformatige Studien der endgültigen Ausführung vorzuziehen. Er war 55, als er die körperliche Liebe zum Thema eines monumentalen Gemäldes machte. Das mittlere der drei liegenden nackten Paare schnitt er heraus: ein beseeltes Beilager. Den Schluss der Schau bilden - nach Seelandschaften und nach segensreichen Tanzfiguren - die Leidens- und Todesstadien der 20 Jahre jüngeren, rettungslos an Unterleibskrebs erkrankten Geliebten Valentine Godé´-Darel. Am Tag ihres Todes, am 25. Januar 1915, malte er nicht die zum Gerippe abgemagerte Liegende, sondern den Sonnenuntergang am Genfer See von Vevey aus: streng horizontal gegliedert, in Rot und Gelb wie am Tag darauf die Tote.<BR><BR>An der Tuberkulose starben Hodlers Vater, alle fünf Geschwister und 1920 auch der Sohn, einst das Modell seiner Knaben- und Jünglingsbilder. Als die Mutter mit 39 Jahren starb (Hodler war 14), bildeten die Kinder, teils aus zweiter Ehe, das einzige Leichengeleite hinter dem Karren. In seinen letzten Lebensmonaten blickte Hodler aus seinem Krankenzimmer auf den Quai du Mont-Blanc und den silbernen See im Mondlicht. Von seinem Fenster aus malte er eine Welt des Lichtglanzes, von der er nun Abschied nahm. Er starb am 19. Mai 1918.<BR></P><P>Bis 12. April; <BR>Katalog: 19 Euro. Telefon: 0711/ 2 16 21 88.<BR></P>

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