Die Welt nach Babylon

- "Sagte: ich liebe dich, sagte: ich dich aber nicht, ging davon, irrte umher, stieg auf einen Berg, kam wieder herunter, fiel, stand auf, trat ein Fenster ein, ging nach Hause, zog die Türen des Wandschrankes zu, legte sich hin." Dies ist die Geschichte von einem, der Gott suchte, weil er sich suchte. Um Ganzheit zu erfahren. "Überall Risse. I'm puzzled."

<P>Terézia Mora puzzelt rückwärts. Sie zeigt ihrem Leser das fertige Bild, um es dann Stück für Stück, ungeordnet, auseinander zu nehmen. Am Ende, wenn sie alle Teilchen im Karton verstaut hat, klappt sie den Deckel zu - und da ist es wieder, das Bild vom Anfang: Ein Mann reglos, kopfüber, die Füße an einer Schaukel festgebunden. Nur hat jetzt jedes Puzzleteilchen eine Funktion erhalten, der Mann seine Daseinsberechtigung.<BR><BR>Augen wie ein "Himmel vor dem Sturm"</P><P>Moras Debütroman "Alle Tage" spielt nicht im biblischen Babylon. Aber er spielt in einer Welt nach Babylon: im Gewimmel von Sprachen. Abel Nema - übersetzt: "der Stumme" - ist ein in diese Welt Geworfener, ein nicht zu greifender Charakter. Sein konfuser Lebensweg führt vorbei an vielen "Verschwundenen": seinem Vater, den er dafür verflucht, wie Gott einst Kain verfluchte; seinem besten Freund Ilia, der Abels Liebe niemals erwiderte; dem Chaosforscher Halldor Rose, der später erzählte, er sei im Himmel gewesen.<BR><BR>Der Deserteur Abel, der Flüchtling aus einem anderen Land, hat Glück in seiner neuen Heimat. Wo er hinkommt, findet er Menschen, die es gut mit ihm meinen. Ein Professor verhilft dem hoch Sprachbegabten zum Stipendium; ein paar Unabhängigkeits-Piraten nehmen ihn in ihre lasterhafte Gemeinschaft auf; ein Barbesitzer breitet spendabel seine gutmütigen Fittiche über ihn. Ohne viele Worte spricht Abel ihre Sprachen. Er begegnet ihnen ohne Misstrauen - und trennt sich ohne Bedauern. "Jeder auf der Welt könnte zu mir kommen und zu mir sprechen, ich würde es verstehen. Und wenn es absoluter Nonsens wäre. Gerade erfundenes Kauderwelsch."<BR><BR>Darüber gibt es Mercedes, die Frau, die den kauzigen Mann mit den Augen wie ein "Himmel vor dem Sturm" geheiratet hat, damit er ein Visum erhält. Und ihren altklugen Sohn Omar, der nur ein Auge hat: "Das andere habe ich hingegeben für Weisheit." Es ist eine merkwürdige Ansammlung von lauten und wilden, leichten und poetischen Episoden. Die Autorin Mora fasst sie in einer magnetischen Kriminalgeschichte zwischen Himmelfahrt und Apokalypse zusammen. Die Übersetzerin Mora (die 33-jährige Ungarin lebt seit 15 Jahren in Berlin) versieht diese mit einer bestechenden Sprache: lakonisch mal, bedächtig gewählt; dann atemlos, ästhetisch verschränkt. Eine kunstvolle Montage, die sie dem doppelten Doppelpunkt, der Kursivierung, dem Partizip Präsens, vor allem dem Wort "später" widmet. Auch durchdringenden Bildern: in denen "ein dem Weinen nahes Lächeln aus einem Gesicht fällt".<BR><BR>In unentwegten perspektivischen Verschiebungen spielt Mora mit den Möglichkeiten ihrer Autorenrolle: Sie erzählt in der dritten Person und ist gleichzeitig das Ich dieser Person, das "Ich" Abel, das "Ich" Mercedes und das "Ich" einer Autorin, die in Klammern an ihrer eigenen Allwissenheit zweifelt, Erklärungen für den Leser gibt, Regieanweisungen für ihre Figuren.<BR><BR>"Alle Tage" lässt auch literarische Assoziationen zu: Ingeborg Bachmann, Harry Mulisch, Erich Fried, poetischen Zeilen, Formen, Zwischenüberschriften. Keine Anspielungen jedoch sind so deutlich gesetzt wie die biblischen: der Märtyrer Abel und die Sprachstadt Babel, der sein Name innewohnt, dann ein Finale-Infernale wie vorm Jüngsten Gericht. Und nicht zuletzt der Titel ihres Debütromans, "Alle Tage": "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt", verkündet der auferstandene Jesus seinen Jüngern. Bis ans Ende der Sprache, scheint Mora hinzuzufügen. Und darüber hinaus, sagt Abel, der Stumme.</P><P>Terézia Mora: "Alle Tage". <BR>Luchterhand, 430 Seiten; 22,50 Euro. </P>

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