Welt ohne Ablenkung

- Das ist kein Blick aufs vertraute Sizilien, es ist die Sicht auf eine andere Welt, wie sie sich vor 60 Jahren eröffnete. Ein poetisch-realistischer Blick ins karge Hinterland. Von weitem sieht man das Bergland um Caltagirone, die Stadt der Töpfer und der Keramik. Giuseppe Bonaviri hat alles miterlebt, was er in dieser Chronik festgehalten hat. Das Städtchen Mineo war auch Schauplatz seines ersten großen Erfolgs: "Der Schneider von Mineo" war der Vater des heute über 80-Jährigen.

Anschaulich der Beginn der versteckt autobiografischen Handlung von "Die blaue Gasse": eine Kutschenfahrt mit der ganzen Familie auf ihren Landsitz. Gleich erfahren wir etwas über die Pflanzenwelt mit ihren mannigfaltigen Gerüchen, über einen Teil der alles beherrschenden, sinnlichen Wahrnehmungen in dieser Welt ohne Sensationen und Ablenkung. Steht die Kutschenfahrt als Prolog für das sich episch ausbreitende Geschehen, so ist der Unfall des Knaben Neli der dramatische Höhepunkt gegen Ende des Romans.

Genau beschreibt der Autor die Häuser der Stradalunga, die sich manchmal in bläulichen Dunst hüllt und zur "Blauen Gasse" wird, scheinbar gemütvoll werden die Bewohner gekennzeichnet.

Christliches und Arabisches

Lebens- und Denkgrundlage ist eine Mixtur aus christlicher Gläubigkeit und heidnisch-vorchristlichen Einflüssen. Gewohnheiten und Bräuche werden davon bestimmt, Naturkenntnis mischt sich mit Sagenhaftem. Das ambivalente Verhältnis zu Tod und Verderben, die Hilfe des Bekreuzigens gegen jede Anfechtung - Bonaviri unterstreicht das oft durch eine gehobene Sprache, die gelegentlich in antikisierendes Pathos fällt. Das Leben ist einfach, aber geregelt. Die Kinder auf dem Land gingen noch selten zur Schule, die Bauern lebten nach ihrer inneren Uhr, die Frauen blieben oft ganz im Haus. Überhaupt sind arabische Einflüsse - etwa in den Kosenamen der Kinder und den Spitznamen zur Unterscheidung der Familien - überall zu spüren. Manchmal reibt man sich die Augen, wenn die Realität der 30er-Jahre in diese Welt bricht: wenn in den Amtsstuben die Bilder Mussolinis hängen und gar vom Krieg gegen Abessinien die Rede ist.

In homöopathischen Dosen wird die Familiengeschichte eingefügt. Die Mutter, die in einer Hemdenfabrik in New York gearbeitet hat, die Geschwister, von denen drei schon verstorben sind. Sie kommen alle als Kinder vor. Viele Beobachtungen und Gedankengänge erscheinen aus der Perspektive der Heranwachsenden. Und nicht immer sind sie so harmlos wie beim Auffangen der Sternschnuppen im nächtlichen Kornfeld. Dezidiert werden die Erlebnisse der Kinder geschildert mit ihrer Fixierung auf sexuelle Stimulation. Beschrieben wird auch die Nähe zu den Tieren - vom Ungeziefer über die Eidechsen, die von den Buben totgeschossen werden, bis zu Esel und Ziege im benachbarten Stall. Da geht dann schnell und unversehens das ländliche Idyll in drastische Deutlichkeit über - Poesie und Realismus fallen rücksichtslos ineinander.

Giuseppe Bonaviri: "Die blaue Gasse". Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Beck Verlag, München, 279 Seiten; 19,90 Euro. Der Autor stellt sein Buch morgen, 19.30 Uhr, im Italienischen Kulturinstitut in München vor (Hermann-Schmid-Str. 8).

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