Die Welt wird Poesie

- "Wir alle leben in der Apokalypse einer nicht möglichen Wahrheit", heißt es in Wilhelm Genazinos neuem Roman "Die Liebesblödigkeit" (Hanser Verlag). Dienstagabend las der Frankfurter Autor (Jahrgang 1943) im Münchner Literaturhaus aus seinem Werk, das kurz nach Erscheinen schon auf den vorderen Rängen der Bestsellerlisten steht. Von solch einem Erfolg war Genazino in den 70er-Jahren, als seine "Abschaffel"-Romane heruaskamen, weit entfernt. Breite begeisterte Resonanz entwickelte sich erst 2001 mit "Ein Regenschirm für diesen Tag".

<P>Sie verschaffen uns mit Ihren Büchern Leseglück. Bei wem finden Sie Ihr Leseglück?<BR><BR>Genazino: Ich lese wieder Älteres: von Joseph Conrad "Falk". Und nach 40 Jahren wieder Proust. Ich bin dadurch wirklich beglückt; auch darüber - was sich ja sonst nicht lohnt -, dass man 40 Jahre älter ist. Bei den Neueren finde ich Andrej Bitows "Geschmack" sehr gut: schlicht und großartig.<BR><BR>In Ihren Werken ist der "Hauptheld" der Alltag. Und obendrein ein aufregender. Wie bekommt man so ein Kunststück hin?<BR><BR>Genazino: Sie müssen mir glauben, dass ich's nicht erklären kann. Wie soll ich es sagen? Benjamin spricht von der "Versenkung ins Detail". Ich tue das ohne Rücksicht, ob etwas dabei herausspringt; auch in meditativer Absicht. Versenkung in Gegenstände, in ältere Gegenstände, bis sie ihre Hinfälligkeit zeigen, um Zartheit bitten. Natürlich ist das eine Einbildung: Die Dinge sind tot, aber man beleiht sie mit dem eigenen Blick. In der "Liebesblödigkeit" erzählt eine alte Hose eine ganze Lebensgeschichte. Ich will's nicht übertreiben, sonst wird es mystisch. Aber wenn man auf Dinge schaut, die mit einem verwachsen sind, dann fangen sie an zu sprechen - dann ist man drin. Ich habe das vielleicht nicht ganz reell dargestellt, aber das macht nichts. Denn: Wer spricht eigentlich in uns? Die Erinnerung? Ein Gegenstand?<BR><BR>Wie entstehen Ihre Romane: Gibt es ein Grundanliegen, um das sich die Episoden legen wie Blütenblätter einer Knospe? <BR><BR>Genazino: Die neuen Texte entwickeln sich oft aus dem, was übrig bleibt von einem Buch. Oder ein Textstück zeigt, dass es noch nicht durchgekocht ist; hier schlummert noch etwas. Bei der "Liebesblödigkeit" zum Beispiel gibt es am Ende ein paar Kinderszenen der Hauptfigur. Die Schamhaftigkeit dieses Jungen spielt eine große Rolle. Da fängt etwas an zu sprechen. Eigentlich ist es das Unbewusste. Es bewegt etwas. Es sagt, dass etwas ist, aber nicht, was es ist. Ich bin kein Autor, der herumläuft und überlegt: Was schreibe ich bloß? Ich wäre unglücklich, wenn ich ein Stoffhuber wäre. Ich habe meine Methode, die keine Methode ist. Ich habe eine Nachhaltigkeit, die Nachhaltigkeit des Lebens. Sie führt zu neuen Büchern.<BR><BR>Kinder sind auf ganz leise Weise enorm wichtig im Buch. Mit der kleinen Schwester des Sisyphos, die mit einer Schere Grashalm für Grashalm eines Rasens schneidet, erklären Sie überzeugend, warum Sisyphos ein glücklicher Mann ist.<BR><BR>Genazino: Mit Kindern ist ein Stück Melancholie über das endgültig Vergangene verbunden: eine Zeit, als man noch nicht die Wirklichkeit durchbuchstabiert hatte. Anders als Erwachsene weiß das Mädchen noch nichts von der Verhältnismäßigkeit und, dass man das Handeln danach ausrichtet. Die ununterbrochene Befragung des Lebens - das machen Kinder noch nicht, das ist ihre Unschuld. So gelingt die Verwandlung der Welt in Poesie. Glück hat man, wenn man solch eine kindliche Weltsicht sehen kann.<BR><BR>"Die Liebesblödigkeit" enthält die klassische Konstellation "ein Mann zwischen zwei Frauen". Man ist an die Tür-auf-Tür-zu-Komödien erinnert. Ihr Held kommt damit durch, entscheidet sich nicht für eine. Ist also das Blöde das eigentlich Gescheite?<BR><BR>Genazino: Gescheit: Das ist mir zu forciert. Aber er kommt zu dem Punkt, an dem er einverstanden ist mit seiner Lage. Das ist klüger, als wenn er Ordnung schaffen wollte. So eine Beziehung ist aber ein wirkliches Problem. Der kritische Ansatz ist, dass es bei uns nur auf drei Ebenen behandelt wird, und zwar unqualifiziert: auf der Ebene der Bild-Zeitung; auf der der Talkshow mit ihrer unglaublichen Verflachung; und - wenn alles zu spät ist - auf der des Gerichtssaals. Unsere Gesellschaft hat keine Möglichkeit, das Problem vernünftig zu diskutieren. Wahrscheinlich liegt das in der Natur des Menschen. Deswegen gibt es so viele Berater, weil die Gesellschaft keine Lösungen findet.<BR><BR>Sie üben im Roman eine subtil-satirische Kritik am deutschen Katastrophismus. Ist das nicht ein bisschen gemein, schließlich geht's manchen wirklich schlecht.<BR><BR>Genazino: Es ist ein Balanceakt. Nach meinem Dafürhalten ist die komische Betrachtungsweise die einzige, die übrig geblieben ist. Die ernste ist zu verschlissen. Überforderte Mütter, Bildungsdebatte, Familienfeindlichkeit, über all das wird seit 40 Jahren geklagt. Das kann man nicht mehr hören. Das ist wie Asche und Moder. Ebenso beim Rechtsradikalismus. Die Politiker schreien: politisch muss man sich auseinander setzten - aber sie tun es nie. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sagt: Ich kann's nur noch ironisch darstellen.<BR><BR>Bringen Lesereisen - außer PR - etwas für die eigene Schreibstrategie, fürs Nachdenken über die Beziehung Autor-Publikum?<BR><BR>Genazino: Dass Lesungen zum nochmaligen Reflex der Arbeit führen, wäre gelogen. Man hat zu sich selbst ein Solistenverhältnis. Ich habe vollkommenes Vertrauen zu meinem Verfahren. Es steht nicht zur Disposition. Schön ist an den Lesereisen eine gewisse Lebendigkeit. Man erlebt, wie ein Text rezipiert wird, dass er oft ganz anders aufgefasst wird, als man gedacht hat. Das gefällt mir, das ist anregend.</P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger</P>

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