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Weltanschauung Zynismus

- Jetzt kann er es nicht mehr leugnen. "Ich bin kein Schriftsteller. Ich bin nur ein Humorist", sagte Ephraim Kishon zu Lebzeiten von sich. "Erst wenn man stirbt wird man Schriftsteller." Am Samstag hatte der 80-Jährige in seinem Zweitwohnsitz im schweizerischen Appenzell eine tödliche Herzattacke erlitten. Der mit 43 Millionen Auflage wohl erfolgreichste Satiriker starb, nicht ohne zuvor einen letzten Vorsatz gebrochen und damit seinen Fans einen Trost hinterlassen zu haben. Der Roman "Der Glückspilz" aus dem Jahr 2003 sei sein letztes Buch, hatte Kishon behauptet und eingeräumt, dass die Versuche eines Rauchers, sein Laster einzustellen, häufig misslängen. Und auch Kishon hat sein schönstes und für seine Leser erfreuliches Laster nicht aufgegeben. Noch am Donnerstag erteilte er seinem Verlag Langen Müller Herbig in München die Druckfreigabe für sein wirklich letztes Werk, das im März erscheinen soll: "Kishon für Österreicher - und alle, die es gern wären."

<P class=MsoNormal>Vielleicht wäre er es selbst gerne gewesen. Jedenfalls muss er eine besondere Neigung zu Österreicherinnen gehabt haben. Schon die erste Frau Eva Klamer, mit der er 1949 nach Israel auswanderte, war Wienerin. Und seit zwei Jahren war er mit der österreichischen Autorin Lisa Witasek verheiratet. Literarische Berühmtheit erlangte jedoch seine zweite Frau Sara, mit der er bis zu ihrem Tod im Jahr 2002 über 40 Jahre lang verheiratet war, als "beste Ehefrau von allen". Dabei verhehlte er, der sich über die Tücken der Bürokratie, die Fallstricke von Institutionen im Allgemeinen und der Ehe im Besonderen lustig machte, nicht, dass "hinter einer langen Ehe immer eine sehr kluge Frau steckt".</P><P class=MsoNormal>"Sie ließen einen Satiriker am Leben."<BR>Ephraim Kishon </P><P class=MsoNormal>Eines Satirikers würdig war vieles, was Kishon im Lauf seines Lebens begegnete. Jedenfalls besaß er die Kunstfertigkeit, es so darzustellen. Und diese erlangte er nicht zuletzt durch die Notwendigkeit, immer wieder Überlebensstrategien entwickeln zu müssen: "Mein Zynismus ist eigentlich eine realistische Weltanschauung." </P><P class=MsoNormal>Am 23. August 1924 wurde er als Ferenc Hoffmann, Sohn eines jüdischen Bankiers, in Budapest geboren. Ein Großteil seiner Familie wurde in Auschwitz ermordet. Der junge Ferenc hatte zunächst Glück: Der Lagerkommandant war schachbegeistert wie er. "Sie machten einen Fehler, sie ließen einen Satiriker am Leben", kommentierte Kishon später den Tag, als er doch neben anderen Häftlingen erschossen werden sollte, aber übergangen wurde. Auf dem Weg in das Vernichtungslager Sobibor gelang ihm die Flucht. Nicht zum letzten Mal. Denn nachdem er eine Weile mit dem Kommunismus sympathisiert hatte, musste er auch vor Stalins Schergen fliehen. In dieser Zeit tauchte er mit dem Namen "Kishont" unter. Bei seiner Einwanderung nach Israel verschlampte der Beamte dort den letzten Buchstaben, erklärte lakonisch, "Ferenc gibt es nicht", und machte den Künstlernamen mit "Ephraim" komplett. </P><P class=MsoNormal>Mit Gelegenheitsarbeiten schlug sich Kishon durch, lernte Hebräisch und begann, Glossen in der Zeitung "Ma'ariv" zu veröffentlichen. Mit "Blaumilchkanal" hatte er in den 50er-Jahren in Israel seinen Durchbruch. 1961 wurde sein Buch "Drehn Sie sich um, Frau Lot!" mit Begeisterung in Deutschland aufgenommen. Immer wieder ließ er die Genugtuung durchklingen, dass er seine größte Fangemeinde im Land seiner einstigen Verfolger hat: 32 Millionen seiner Bücher erschienen auf Deutsch. Der wenig euphorischen Literaturkritik zum Trotz. </P><P class=MsoNormal>Obwohl seine konservative Haltung bekannt war, hielt er sich mit politischen Äußerungen meist zurück. In seinem letzten Interview, das er am Freitag den "Stuttgarter Nachrichten" gab, ging er auf die anstehende Rede des Bundespräsidenten Horst Köhler in der Knesset ein: "Ich rate Herrn Köhler, eine kleine Rede auf Hebräisch vorzubereiten, in der er seinen Respekt vor der Sprache der Bibel und Jesus Christus bekundet. Dann sollte er um Verzeihung bitten, dass er in seiner Sprache fortfährt."</P><P class=MsoNormal>Kishon sollte noch gestern nach Tel Aviv überführt werden, wo die Beisetzung stattfindet.</P>

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