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In der „Kirche der Angst“: Blick in den deutschen Pavillon, der Christoph Schlingensief huldigt.

Weltausstellungs-Rundgang: Raumfüllendes Unheil

Venedig - Die 54. Kunst-Biennale in Venedig: Von der deutschen Schlingensief-Beschwörung bis zum italienischen Mischmasch - ein Rundgang durch die Weltausstellung. 

Wer erleben möchte, was Welt-Demokratie sein könnte, sollte jetzt nach Venedig fahren. Dass diese wundervolle Utopie Wirklichkeit werden kann, beweist die 54. Kunst-Biennale von morgen an bis zum 27. November. Die Länder dieses Globus von Albanien bis Zimbabwe versammeln sich friedlich in der Serenissima, um ihrem Nationalstolz mit Kunst zu huldigen, nicht mit Waffen. Und genauso wie die Lagunenstadt geduldig die Touristen aus all diesen Zonen auf- (und auch ein bissl aus-)nimmt, akzeptiert sie Kunst aller Stilrichtungen in totaler Toleranz. Jede Nation beziehungsweise deren Kurator entscheidet für sich, was all die anderen zu sehen bekommen. Dieses Konzept einer Weltausstellung stammt aus dem Ende des 19. Jahrhundert, wurde im 20. Jahrhundert oft verlacht und kritisiert – und hat im 21. Jahrhundert immer noch seine Vitalität behalten.

Darum sträubte sich die oberste Biennale-Kuratorin, die gebürtige Züricherin Bice Curiger (Jahrgang 1948), auch nicht gegen den Nationen-Gedanken, sondern „schluckte“ ihn einfach: Sie nennt ihre Biennale „ILLUMInationi“. So sollen auch im ersten Biennale-Text die Länder gewürdigt werden. Wobei man eine Einschränkung gestehen muss: Nur die 38 Nationen auf dem offiziellen Ausstellungsgelände Giardini (Gärten) und Arsenale (alte Militär-Werft) konnten in der Kürze der Zeit besucht werden. Für all die anderen, die sich im gesamten Stadtgebiet ihr Platzerl gesucht haben, bräuchte der Kunst-Spurensucher noch Wochen.

Zu ihnen gesellen sich die Eventi collaterali, also der Haupt-Ausstellung beigesellte Ereignisse. Sie dürfen ebenfalls bei der generösen Biennale-Demokratie mitmachen: zum Beispiel die Bayern Thomas Huber und Wolfgang Aicher (wir berichteten), die seit ein paar Tagen ein rotes Boot über die Alpen ziehen und hoffen, es in Venedig zu Wasser lassen zu können („passage2011“ in München in der Lukaskirche und in Venedig in der Scuola dell’ Angelo Custode, Campo SS. Apostoli).

Aber natürlich ist das Hauptinteresse der Deutschen auf ihren Pavillon in den Giardini zentriert. Er ist einem toten Künstler gewidmet, der gerade in seinem Kampf gegen den Lungenkrebs zu einer Kultfigur der deutschen Kunstszene von Oper bis bildender Kunst wurde: Christoph Schlingensief. Der 1960 geborene Oberhausener, der zunächst als Filmemacher bekannt wurde, starb im vergangenen August. Seine Idee von einer schrillen Wellness-Oase für den Deutschen Pavillon war nicht mehr zu verwirklichen.

Kuratorin Susanne Gaensheimer, Chefin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, entschloss sich in Zusammenarbeit mit der Witwe Aino Laberenz (wir berichteten) zu einer pointierten Werk-Würdigung. Das ist insofern gelungen, als die raumfüllende Installation „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, das Bühnenbild des Fluxus-Oratoriums von 2009, zahllose Bezüge zu Schlingensiefs gesamtem Schaffen bietet. Und zu seinen Referenz-Künstlern aus der Fluxus-Zeit in den 60ern wie Joseph Beuys oder Nam Jun Paik, aber auch zu der Körper-Brutalität der Wiener Aktionskunst. Fotos, Filme, Hasen, Text-Fahnen greifen all das in einem Kirchenraum mit bunten Glasfenstern, Altar und Beichtstuhl auf; ebenso wie den Buben Christoph (große Filmprojektionen) und den todgeweihten Christoph, der zwischen verzweifelter Panik vor der Krankheit und nüchterner Bestandsaufnahme aus dem Off spricht. Das ist wie die Röntgenaufnahmen der Lungen so privat und intim, dass man (Voyeur-)Scham empfindet. Aber es ist nun mal typisch Schlingensief, derart Persönliches in seine Kunst zu packen: ein Versuch, das Unheil zu bannen, ihm Sinn zu geben, den er mit „Mea Culpa“ und „Intolleranza II“ (beides konnte man in München erleben) künstlerisch distanzierter fortsetzte.

Die Film-Erlebnisse in der „Kirche“ kann der Besucher mit sechs „richtigen“ Filmen im Kino des Pavillons vergleichen – ein genüssliches Spiel mit grausam schlechtem Kintopp-Geschmack, beginnend mit dem Schmachtfetzen „Egomania“ (1986). Und so heißt denn auch der Pavillon nicht mehr „Germania“, sondern „Egomania“. Der dritte Teil der Schau ist der Zukunft gewidmet und zeigt die aktuelle Situation des Opern-, Schul- und Wohndorfs Remdoogo in Burkina Faso. Schlingensief fand es zwar blöd, dass wir Europäer Afrika helfen wollten; schließlich könnten wir uns nicht einmal selbst helfen – und dann half er doch: Ja, Assoziationsflut und Widerspruch in sich, das war Schlingensief im besten Sinn.

Wie so etwas katastrophal scheitern kann, illuminiert der Pavillon Italiens (Arsenale). Der Berlusconi-Freund Vittorio Sgarbi ließ 150 Künstler (von 150 anderen Künstlern vorgeschlagen) in die Hallen. Entstanden ist ein nichtswürdiger Mischmasch, eine Schande für die Kulturnation Italien. Das soll laut Sgarbi Demokratie sein (1000 weitere Künstler in allem Italienischen Kulturinstituten der Welt) – aber auch Demokratie kennt Regeln und lebt von Qualität. Diese Schau ist nur gut, weil sie gnadenlos das Berlusconi-Italien entlarvt.

Freude machen hingegen die vielen politischen Arbeiten, von Ägypten über Israel bis Polen. Keiner der Künstler (Ahmed Basiony, Sigalit Landau, Yael Batana) gibt sich platt, und keiner schummelt sich um eine klare Aussage, egal ob es um die Demokratiebewegung am Tahir-Platz geht oder das Judentum, das seine Existenz-Strategien überdenkt. Wie dagegen eine aufgesetzte Polit-Haltung im Nichtssagenden verpufft, beweist das Paar Allora & Calzadilla für den USA-Pavillon. Besitzt der umgedrehte Panzer, der vor dem Kunst-Tempelchen zum Fitness-Lauftrainer geworden ist, noch Show-Wert, gähnt im Bau Einfallslosigkeit. Da ist man beim französischen Altmeister Christian Boltanski besser aufgehoben. Durch einen riesenhaften Raum-Filmprojektor lässt er einen großbildrigen „Baby-Film“ sausen. Das Leben startet, die Zeit läuft, und nebenan erscheinen ältere Gesichter, wie im Kinderspiel in Streifen aufgeteilt. Triff deine Wahl – hast du denn eine?, sagt Boltanski. Und das ist der beste Kommentar zum deutschen Nachbarn Schlingensief. Und zur Welt-Demokratie.

Aus Venedig berichtet Simone Dattenberger

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