Weltliche Sinnenlust

- Purer Luxus. Vier Tage nach Philippe Herreweghes grandiosem Bach-Gastspiel folgte ihm hochkarätige Konkurrenz nach München: Trevor Pinnock, ebenfalls ein Star der Alte-Musik-Szene - wenngleich seine Auffassung unterschiedlicher nicht sein könnte. Pflegte Herreweghe noch das subtile, perfekt ausbalancierte Understatement, warfen sich der heftig rudernde Pinnock samt The English Concert ausgelassen und überrumpelnd ins "Jauchzet, frohlocket".

<P>Chor und Orchester kamen in den Kantaten eins bis drei plus sechs aus Bachs "Weihnachtsoratorium" ebenfalls mit einer Bonsai-Besetzung aus, Pinnocks Ensemble passt trotzdem in die Akustik der (fast vollen) Riesen-Philharmonie: Der Chorklang ist - bei aller Flexibilität - robuster, dunkler, zumal Maestro sich auch als Freund einer musikantischen, tänzerischen, an Händels Dramatik orientierten und offensiven Bach-Auslegung entpuppt. Die schwebeleicht phrasierten Choräle glitten nicht ins Gefühlige, Bedeutungsschwere, aus den Eingangschören schallte immer wieder weltliche Sinnenlust.</P><P>Das emotionale Spektrum war weit gefasst, von der Empfindsamkeit der berückend gespielten Hirtenmusik bis zur auftrumpfenden Pracht des "Großer Herr und starker König". Zu Recht kassierte der erste Trompeter, der aberwitzige Verzierungen wagte, am Ende Ovationen. Dennoch: Ist es sinnvoll, wenn dadurch der Solist zur Beilage eines Trompetenkonzerts degradiert wird? Christian Gerhaher, eine der größten Hoffnungen im Bariton-Fach, schien so in leichte Aufgeregtheit getrieben, wartete aber sonst (auch in den Rezitativen) mit stimmschöner, sehr kluger Gestaltungsarbeit auf.</P><P>Ein recht heterogenes, sich ergänzendes Solisten-Quartett: Elisabeth Graf mit dem Wohlfühl-Timbre ihres instrumentalen Alts, Lisa Milne, die dank eines volltönenden Soprans als Mozart-Interpretin ideal wäre, hier eine Spur zu opernhaft agierte. John Mark Ainsley, Münchens "Orfeo", sang souverän, in den Arien mit linear flutenden Koloraturen und wie unbeeindruckt von den technischen Anforderungen, als Evangelist bestach er durch mustergültige Diktion. Während der Aufführung Gehuste, danach Getrampel: Pinnock und Kollegen haben offenbar in München einen Nerv getroffen - schwere Zeiten für hiesige Ensembles.</P>

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