Die Weltordnung

- "Vorfrühling" 1941: Baumlanzen ragen in den Himmel, an dem bedrohlich ein Hakenkreuz hängt. Hätte man Fritz Winter (1905-1976) mit diesem düsteren Bild erwischt, es hätte schlimme Folgen für ihn gehabt. Doch keine Bedrohung, keine Verfemung, auch keine sechs Jahre an der Front des Zweiten Weltkrieges konnten diesen Maler aufhalten. 350 kleinformatige "Feldskizzen", die er heimschmuggeln ließ, zeugen nicht nur von einer ungebrochenen Ausdruckskraft. Winter, dem fast alles passiert ist, was das Schicksal bieten kann, wurde zu einem der größten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts. Heuer wäre er hundert Jahre alt geworden. Neben großen Häusern zeigt auch die Bernrieder Galerie Arbeiten von 1932 bis '75.

Gegen die Diffamierung

"Ich bin selbst an die Natur gebunden, aber nicht an ihre Formen, denn in dem, was ein Gegenstand ist, stecken die unendlichen Kräfte, die den Gegenstand zur Gestalt werden lassen." Winter feilte über Jahrzehnte hinweg an dieser Gestalt, die in immer neuen Windungen, Verflechtungen, Formierung die pure Form und den schwingenden Zwischenraum, Atmosphäre, Rhythmus, vor allem aber Balance zum Tragen brachte. Vielleicht waren es gerade die harten Umstände, die ihn mit Vehemenz und ebenso viel Demut vor der Schöpfung arbeiten ließen.

Der Bergmann und Elektriker wurde 1927 im Bauhaus Dessau aufgenommen. Ab 1933 in München, ab 1935 in Dießen beginnen die Jahre der Diffamierung und ab 1937 des Malverbots. Winter versteckt seine Bilder wie das pastose, beige-braune, dicht strukturierte "Kristallbild" (1934) unter dem Dielenboden, während er zur Tarnung Eichenleuchter schnitzt. 1939 bis '44 muss er in Polen und Russland kämpfen. Auch hier findet er den Mut, die "Triebkräfte der Erde" weiter zu verfolgen. Nach der Gefangenschaft (bis 1949) dann endlich wieder Farbe! Wilde, bunte Kompositionen entstehen. "Aufkeimend" (1949) recken sich Harmonien empor, bis sich Winter wieder in zarten Balancen beruhigt. 1953 druckt Lothar Günther Buchheim eine leuchtend schwarz-rote Komposition voll Dynamik.

Zunehmende Erfolge, Preise und Professuren, aber auch Folgen von Verletzungen kennzeichnen Winters weiteren Werdegang. "Was ich nicht in der Welt ordnen kann, kann ich stellvertretend auf der Leinwand ordnen", so Winters Credo. Zarte, vielschichtige Wachskreide-Arbeiten entführen in ein Reich aus Transparenz, Dichte und Leichtigkeit. Bis hin zu den letzten Filzstift-Arbeiten von 1975 spürt man, was Winter bündelte: ein beseeltes "Ringen mit dem Schein und der Wahrheit dieser Welt".

Bis 2. Dezember, Tel. 081 58/99 79 17, Katalog: 27 Euro.

Das Fritz-Winter-Atelier in Dießen am Ammersee zeigt Werke von den 50er- bis zu den 70er-Jahren; außerdem Winters Beitrag zur ersten Documenta 1955; bis 18.12., Tel, 088 07/ 45 59.

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