Der Weltumsegler geht an Land

- Als die Schwedische Akademie den Nobelpreisträger von 2001 als einen "literarischen Weltumsegler" würdigte, der sein wahres Zuhause nur in sich selbst finde, betonten die Juroren nicht nur das Weltbürgerliche an dem auf Trinidad geborenen, in Großbritannien lebenden Inder V.S. Naipaul - sie hoben zugleich auch seine spezielle Egozentrik hervor. Und zum Ruf, sich gerne politisch unkorrekt zu äußern, ja sich mit einer eurozentristischen, den einstigen Kolonialmächten entlehnten Haltung zu spreizen, gesellte sich nun noch der Eindruck, bei seinen Recherchen in aller Herren Länder suche der Romancier, Reiseschriftsteller und Journalist zuallererst nach sich selbst.

<P>Dabei umsegelt Naipaul gar nicht die (postkoloniale) Welt, indem er, hochmütig oder einfach nur gewandt, ihre spannungsreiche Tektonik umschifft. Er zieht gerade nicht achtlos, abenteuerlustig und ablenkungssüchtig an ihr vorbei, sondern er geht an Land und dringt in sie ein. </P><P>Schon einmal hat Naipaul "Eine islamische Reise", so der Buchtitel, dokumentiert, dem Islam in nicht-arabischen Ländern im Jahr 1979 auf der Spur. 1995 hat er die vordergründig noch immer islamische Reise wiederholt, diesmal lässt er sie jedoch auch "Jenseits des Glaubens" verlaufen und sieht nach, was aus den Ländern geworden ist, wie ihre Bevölkerung resigniert (Iran), Religion die Fronten gewechselt hat (Indonesien), vorislamische Wurzeln verrotten (Pakistan) und der Mammon in den Himmel schießt (Malaysia). </P><P>Rechtzeitig zur Lesereise des Nobelpreisträgers, der am 17. August 70. Geburtstag feiert und am Montag im Münchner Literaturhaus zu Gast ist, hat der Claassen Verlag nun das erlebnisreiche, beobachtungsgenaue Buch herausgebracht. Große Neugier verbindet sich darin mit ausgesprochener Fairness gegenüber den Gesprächspartnern, mit schlichten Sätzen des Respekts: "Es wäre ungerecht gewesen, die Ungereimtheiten, die mir in seiner Erzählung aufgefallen waren, gar zu sehr hinterfragen zu wollen." </P><P>Hat doch der Iraner Parvez, der seine 1979 sehr islamisch anmutende Tehran Times an das Regime Khomeinis verlor und dessen gescheiterte Reformen dafür noch mit dem Krieg gegen den Irak entschuldigt, allzu viel durchgemacht. Naipaul urteilt nicht, er streicht behutsam das heraus, was jedem Eurozentriker verborgen bleiben müsste: die Widersprüche im Detail, in den Personen, die die großen Utopien - die Wiederherstellung einer Glaubensgemeinschaft wie zu Zeiten des Propheten, die Einheit von Regierung und Glauben - so fragwürdig machen. </P><P>Noch besser kann Naipauls Blickwinkel der verstehen, wer die ebenfalls gerade erschienenen "Briefe zwischen Vater und Sohn" liest, zu dem allerdings ganz wesentlich die Briefe der Schwester Naipauls als dritter Part dazugehören. In einem frühen Brief ermuntert der Vater, auch er Journalist und Dichter, seinen in Oxford studierenden Sohn (da hat Naipaul noch keinen einzigen Roman geschrieben): "Hab' keine Angst ein Künstler zu sein. </P><P>D. H. Lawrence war durch und durch Künstler; zumindest vorläufig solltest du wie Lawrence denken." Von den Geldsorgen der Familie und ihren engen Banden erzählen die Briefe ebenso wie vom Arbeitseifer von Tochter und Sohn, von dessen großer Einsamkeit und Scheu vor Oxfords "Intelligenzbestien", besonders aber vom Ziel des Vaters, der Sohn solle einst ein bedeutenden Schriftsteller werden. Nicht nur das Wissen, dass es gelungen ist, macht die Lektüre so reizvoll, sondern auch die darin ablesbare Entwicklung der verstörenden Haltung, die V.S. Naipaul so gerne einnimmt. </P>

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