Weniger Puder, mehr Esprit

- Der schwere Samtvorhang wallte, und am Proszenium bauschte sich rot glühend sogar der Stuck: Operette war angesagt im Münchner Gärtnerplatztheater, der Hochburg des Genres. Auch aus dem Graben rauschte die Ouvertüre plüschig herauf: "Die Dubarry" im Anmarsch.

Madame Pompadours Nachfolgerin wurde 1879 von Carl Millöcker auf die Bühne des Theaters an der Wien geschickt, 1931 von Theo Mackeben mit kleinen Revue-Schocks wiederbelebt und am Sonntag nun vor dem Münchner Operettenpublikum auf den Prüfstand gestellt. Das klatschte zwar heftig, schmuggelte aber auch - orts-unüblich - ein paar deutliche Buhs in den Schlussapplaus.

Muss man der höchst selten leibhaftig erscheinenden Gräfin Dubarry wirklich begegnen? Für Frankreichs König Ludwig XV. war's ein Genuss. Der heutige Zuschauer kann ihn nur schwer teilen. Libretto und Dramaturgie pendeln zwischen Schwulst und Holprigkeit, und selbst musikalisch hinkt die Gräfin dem folgenden "Bettelstudenten" arg hinterher, der zum Überleben keiner Mackeben'schen Frischzellenkur bedurfte.

Lahme Mätresse

Am Gärtnerplatz entschied man sich trotzdem und warum auch immer für die Dame und vertraute sie einem jungen Damentrio unter Regisseurin Valentina Simeonova an, das von Andreas Kowalewitz am Pult maßgeblich unterstützt wurde. Er setzte auf zügige Tempi, schürte dabei das operettig-dramatische Herzeleid und pustete mit frechen Rhythmen ein bisserl frischen Wind vor allem durch den bröseligen zweiten Teil.

Um dem ganzen, in zig Bilder zerfallenden Geschehen zumindest äußerlich Halt zu geben, ließ er sich von Ludwigs Hof-Compositeur Jean Philippe Rameau persönlich inspirieren: zu pfiffigen orchestralen Zwischenspielen, in denen ein clowneskes Rokoko-Dienerpaar (Stefanie Dietrich und Christian Baumann) vor dem Vorhang pantomimisch von Liebe, Lust und Frust erzählte. Zum allgemeinen Amusement.

Weniger inspiriert, eher bemüht und nicht gerade in eine neue, rosige Operetten-Zukunft weisend verlief das Hauptgeschehen. Nein, die gute alte Operette sollte diesmal nicht ins Hier und Jetzt gezerrt, sollte ernst genommen werden. Was immer das bedeutet . . . Auch wenn die Regisseurin ihrer für Tanz und Bewegung zuständigen Partnerin viel Raum gewährte, es hübsche (Ballett-) Einlagen gab und Chor und Solisten eifrig mithüpften, richtig in Schwung kam "Die Dubarry" keineswegs, lifteten doch auch die Dialoge sie nicht. Was die Mätresse dringender braucht als jeden Puder, ist ein Ensemble mit Esprit, angeführt von einem richtigen Operetten-Paar. Doch damit haperte es gewaltig.

Marianne Larsen zierte zwar Hut-Salon, Maleratelier und Königsschloss durch ihre charmante Art, doch fehlte ihr der große, tragende Ton der Diva, amüsierte sie eher in der musikalischen Persiflage. Ja, ist sie so, die Dubarry? Als verliebter Maler René´ tat sich Michael Suttner mit Miró´ sichtbar leichter als mit Millöcker, der ihn hörbar überforderte.

Vom Buffo-Paar besaß immerhin die bessere Hälfte den rechten Pfiff. So sang und spielte Olivia Pop als kesse Margot ihren Marquis an den Rand. Alle politischen Zügel hielt Torsten Frisch als Graf Dubarry in der Hand und spielte dem gemütlichen Onkel König die Schwägerin zu.

Das dauerte inklusive Pause drei Stunden. Wobei man reichlich Gelegenheit hatte, Anne Marie Legensteins einfallsreiche, apart ausgeleuchtete Bilder zu bestaunen: angefangen vom Hut-Salon mit den poppig-bunten Vitrinen, über das "bewegliche" Jahrmarktsbild mit den fliegenden Karussellpferden, hin zum edlen Königsgemach mit witzigem Louis-(Vuitton)XV.-Dekors und der fantastischen Gartenlandschaft. In diesem geschmack- und fantasievoll stilisierten Ambiente gibt es keine strenge Kleiderordnung. Vom 50er-Jahre-Petticoat der kleinen Modistinnen bis zum Rokokobeinkleid mancher Hofschranzen ist alles erlaubt und gefällt. Doch was nützt es der "Dubarry", da sie selbst lahmt und die Sänger schwächeln? Wenig.

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