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Münchner Kammerspiele

Weniger wäre eben doch mehr

München  - Der künftige Intendant Johan Simons inszenierte „Drei Farben: Blau, Weiß, Rot“ nach den Filmen Krzysztof Kieslowskis

Es gibt Menschen, die behaupten, weniger sei mehr. Mathematisch betrachtet ist das natürlich Blödsinn: Mehr ist mehr. Doch nach diesem Abend an den Münchner Kammerspielen wird klar, dass jene doch Recht haben könnten, dass gerade im Weglassen und Zurücknehmen eben manchmal der Zugewinn liegen kann. Dabei hat Regisseur Johan Simons, der die städtische Bühne von der Spielzeit 2010/11 an leiten wird, schon gründlich entschlackt und reduziert.

Auf drei abendfüllende Spielfilme hat der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski seine Drei-Farben-Trilogie zwischen den Jahren 1993 und 1994 angelegt. Jeder Film hatte eines der Ideale der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – als Leitmotiv, symbolisiert durch die jeweilige Farbe der französischen Nationalflagge. Für den Polen Kieslowski waren diese Kinofilme damals – der Fall des Eisernen Vorhangs bebte in Europa noch nach – zugleich Abrechnung, Huldigung und Realitätstest jener philosophischen Grundsätze, auf denen die freien Gesellschaften des Westens zu gründen vorgeben. Nachdem er bereits vor vier Jahren den „Dekalog“ des Polen an den Kammerspielen auf die Bühne gebracht hat, hat Simons nun jene drei Filme, die alle für sich stehen und die dennoch raffiniert miteinander verwoben sind, in eine etwas mehr als drei Stunden lange Inszenierung gepackt.

Doch was damals beim „Dekalog“ wunderbar gelang, geht bei „Drei Farben: Blau, Weiß, Rot“ nur bedingt auf. Obwohl er seine zehn Schauspieler Rollen in allen drei Teilen übernehmen lässt, gelingt es Simons nicht, die Intensität und Verwobenheit der Film-Trilogie zu transportieren. Und obwohl der Regisseur und sein Dramaturg Koen Tachelet, der die Bühnenfassung der Drehbücher erstellte, weglassen, raffen und dazu auf ebenso einfache wie effektive Theatertricks zurückgreifen, driftet der Abend doch immer wieder ins Geschwätzige ab. Da vermisst man Tempo, da vermisst man – trotz oder gerade wegen der Schwere und Tiefe der verhandelten Fälle – Kieslowskis Leichtigkeit, Lebensliebe und, ja, auch seinen Mut zum Kitsch.

Der stärkste Teil des Abends ist „Weiß“. Die Geschichte von Karol Karol ist zudem die dankbarste: Der Pole steht in Paris vor Gericht, weil er seine Frau nicht befriedigen kann. Zurück in Polen nutzt er die neue wirtschaftliche Freiheit für einen perfiden Racheplan, den er letztlich aus Liebe jedoch nicht bis in seine bitterste Konsequenz umsetzen kann.

Eine Paraderolle für Thomas Schmauser, der mit sichtlicher Freude in Paris das herzerweichend radebrechende polnische Gastarbeiter-Würstchen gibt, um dann in der Heimat mit Bauernschläue, Chuzpe und Dreistigkeit zum Mega-Macker zu werden. Doch selbst dieser Teil, der bereits in der Film-Trilogie der komödiantischste mit einer guten Portion Slapstick und Derbheit ist, offenbart das Problem von Simons Inszenierung: Zum Ende hin rödelt Schmauser was das Zeug hält, stets bemüht, Spannung zu halten und die Geschichte ordentlich zu Ende zu bringen. Und doch zieht es sich.

Hätte die Regie noch mehr Mut zur Straffung aufgebracht, hingen auch Sandra Hüller und Jeroen Willems im letzten Teil „Rot“ nicht so sehr in der Luft. Es ist eine wirklich anrührende, bedenkenswerte Geschichte zwischen dem alten, kriminell gewordenen Richter, der die Nachbarschaft abhört, und der jungen Valentine, die durch ihre Empathie Sekunde für Sekunde den widerlichen Fleischberg in einen Menschen zurückverwandelt. Hier erlebt die Inszenierung – gerade auch dank der Schauspieler – einen ihrer stärksten Momente, den sie bereits einmal ganz zu Beginn des Abends hatte: Es berührt, wie Hildegard Schmahl in „Blau“ als demenzkranke Mutter ihre Tochter Julie nicht und wieder nicht erkennt – und wie sie in Pampigkeit flieht, wenn ihr das doch einmal bewusst wird.

Ansonsten bleibt dieser Auftakt seltsam kalt und fremd. Auch deshalb, weil Sylvana Krappatschs Julie, die Mann und Tochter bei einem Unfall verlor und mit dem Alleinsein (der Freiheit?) klarkommen muss, und Stephan Bissmeier als Olivier, der Julie liebt, fremd und distanziert bleiben. Richtig aufwühlend ist bei diesem Auftakt lediglich das Auto, das Simons aus dem Schnürboden in die von Jens Kilian weitgehend leer geräumte und fast bis zu den Brandmauern aufgerissene Bühne krachen lässt: ein Kombi, zunächst gehalten von Stahlseilen, mit der Front voran aus einigen Metern Höhe. Hier wäre wohl auch weniger mehr gewesen.

Michael Schleicher

Die Besetzung

Regie: Johan Simons. Bühne: Jens Kilian. Kostüme: Dorothee Curio. Licht: Max Keller. Darsteller: Stephan Bissmeier, Sandra Hüller, Sylvana Krappatsch, Lena Lauzemis, Wiebke Puls, Hildegard Schmahl, Steven Scharf, Thomas Schmauser, Edmund Telgenkämper, Jeroen Willems.

Die Handlung

„Drei Farben: Blau, Weiß, Rot“ nach den Filmen von Krzysztof Kieslowski verhandelt die Ideale der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit an konkreten Fällen. In „Blau“ überlebt Julie einen Unfall, bei dem Ehemann und Tochter sterben. In „Weiß“ wird der Pole Karol in Paris von seiner französischen Ehefrau verklagt, weil er ihren sexuellen Bedürfnissen nicht gerecht wird. Lächerlich gemacht und mittellos kehrt er in seine Heimat zurück, wird reich und nutzt sein Geld für die Verwirklichung seiner Rache – oder für die Wiederherstellung von Gleichheit? „Rot“ erzählt, wie es der jungen Valentine gelingt, einen zynischen, menschenverachtenden, kriminellen Richter anzurühren und ihn Mitfühlen zu lassen.

Weitere Aufführungen

heute sowie 5., 9., 19. April, Telefon: 089/ 54 81 81 81.

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