Wenn der Laden explodiert

- Über 20 Jahre keinen Wagner gespielt: Ganz vorsichtig fängt man da am besten mit der Eingewöhnung an. Mit Felsen, die wie Laubsägearbeiten aus der Bühnengasse ragen. Mit hübschen Wogen, die auf den Hintergrundprospekt gepinselt sind. Und mit einem Titelhelden, der einem Rembrandt-Gemälde entlaufen scheint und nun den Landungssteg hinabschreitet. Für die Premiere also den Bolschoi-Fundus geplündert? Mitnichten - alles echter Peter Konwitschny. Und offenbar ernst gemeint. Doch der Regisseur spielt mit den Erwartungen, die Fans können beruhigt sein. Spätestens nach zweieinhalb Stunden, wenn Senta Hochentzündliches auskippt, der Laden mit Krawumm in die Luft fliegt - und der Musik nur ein dünnes Finale vom Band bleibt.

<P>"Bis zur letzten Schraube", so Münchens Opernchef Peter Jonas, habe sein Team alles spielfertig nach Moskau exportiert. An die neue Bolschoi-Bühne, ein mintgrünes Retro-Rund mit knapp 900 Plätzen, das bald als Ersatzspielort fürs marode Haupthaus herhalten muss. Konwitschnys "Fliegender Holländer" ist eine Koproduktion von Bayerischer Staatsoper und Bolschoi-Theater. "A-Premiere" war nun in Moskau, wo die Inszenierung eine Weile im Repertoire bleibt, bevor sie im Februar 2006 an die Isar wandert. Doch die Vorfreude muss gebremst werden. Richtig Fahrt nimmt dieser "Holländer" nämlich erst im Mittelakt auf, den Konwitschny und Ausstatter Johannes Leiacker effektvoll und daher gern belacht ins Fitnessstudio verlegen. Statt Spinnräder zu drehen, radeln die Damen auf Heimtrainern, angeleitet von Vorturnerin Mary, die für dicke Kinder die Höchststrafe parat hat: ab auf die Waage. Aber der szenische Gag entfaltet Tiefgang - und der Rembrandt-Look des Holländers hintersinnige Logik. </P><P>Senta im Fitnessstudio<BR><BR>Konwitschny zeigt drastisch, wie sich zwei Menschen begegnen, zwischen denen Jahrhunderte liegen. Zwei Menschen mit völlig unterschiedlichen Erwartungen, Gewohnheiten und Träumen. Zwei, die für einander nur bestimmt scheinen, die sich den jeweils anderen nur als (Ideal-)Bild vorstellen: Senta kommt mit Sporttasche und Ölgemälde zum Fitness. Und der Titelheld, zu dem ja "dieses Mädchens Bild" aus "längst vergang'nen Zeiten" spricht, mit einem Koffer. Darin ein uraltes, ergrautes Brautkleid, das er Senta überzieht - statt sie in ihrer Leibhaftigkeit zu akzeptieren. Gerade diese intensiven, wunderbar aus der Musik heraus agierten Momente, auch Sentas Auseinandersetzungen mit Erik, schließlich die hochemotionale Dreiersituation im letzten Akt geraten Konwitschny am besten. Für Erik ergreift er dabei Partei, für diesen sympathischen Bullen, dem das Herz übergeht - und manchmal die Hand locker sitzt. Roman Muravitsky beglaubigt das darstellerisch und vokal, bringt mit kraftvoller Italianitá´ einen Hauch Puccini in die Aufführung.<BR><BR>Jubel für Regisseur Konwitschny</P><P>Bis auf die West-Importe Senta und Holländer wurde diese Premiere mit russischen Kräften bestritten. Das klappte hervorragend bei Muravitsky, auch bei Maxim Paster als feistem Steuermann, weniger beim soliden Alexander Naumenko (Daland). Robert Hale (Holländer) begann am Rande einer Indisposition, steigerte sich zu eindrücklicher, präzise konturierter Stimmstärke: kein Dämon, sondern ein Frustrierter, der sich in seiner anfangs vorgetragenen Wehleidigkeit ganz gut gefällt. Anna-Katharina Behnkes Senta war ein sportiver Teenie-Typ. Mit kühler, flackernder Exaltiertheit imponierte sie zwar, enthielt der Partie aber Herzbewegendes vor.<BR><BR>Dass die Bolschoi-Musiker mit Wagner kaum vertraut sind, war der Aufführung nicht anzuhören. Alexander Vedernikov hatte sie exzellent vorbereitet, arbeitete, zuweilen auf Kosten des großen Zusammenhangs, detailorientiert, spielte die Härte der Urfassung phonstark gegen die Sänger aus - was den spielfreudigen, individuell geführten Chor kaum schreckte. Ungetrübter Jubel, der sich steigerte, als Peter Konwitschny erschien.<BR><BR>Doch warum verfällt eigentlich Senta dem Holländer? Bei ihm wird's kaum deutlich - zumal er sie nicht als Außenseiterin, sondern als Mädchen zeigt, die sich kaum von ihren Fitness-Schwestern unterscheidet. Und: Eine der machtvollsten Szenen, wenn Wagner die Mannen Dalands und die Holländer-Truppe im grandiosen Chorkampf gegeneinander antreten lässt, erfordert eine ebenso überwältigende Szenerie, weniger eine Prügelei zwischen saufenden Matrosen und Untoten aus dem 17. Jahrhundert. Doch ein Coup muss stets bei Peter Konwitschny sein, hier Sentas Tat, mit der sie nicht Erlösung herbeiführt, sondern das gesamte Personal im Affekt explodieren lässt, auf dass das Theater sich verdunkele und das reale Orchester schweigen muss - eine Überraschung, kein Schock.<BR><BR>Doch das ist ja der Vorteil für einen viel beschäftigten Regisseur. Denn mit der Münchner "B-Premiere" 2006 bietet sich für manches ein idealer Ausweg: die nachgearbeitete B-Version. <BR><BR></P><P> </P><P><BR> </P>

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