Medienberichte: Explosionen bei Konzert von Ariana Grande in Manchester gemeldet

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Wenn der Müllmann mehrmals klingelt

Peking/München - In den Disziplinen Menschenrechtsverletzung und Zensur gilt China auch ohne Olympische Spiele schon als stark, und im Doping hat das Reich der Mitte es bereits zur Weltmeisterschaft gebracht, wenn man den Berichten jener Journalisten Glauben schenken darf, die dort in ihrer Arbeit behindert wurden. Während alle Welt meint, olympischer Geist und China passten nicht zueinander, wird man mit den hier vorgestellten Büchern eines Besseren belehrt.

Wenngleich auf unerwartete Weise: Wer erfährt, dass der Begriff "Yun dong" zum einen Sport, zum anderen (politische) Kampagne und Massenbewegung bedeutet und dass sich Mao Zedong in diesem Sinne als "Turnvater der Nation" erwies, muss sich über nichts mehr wundern.

Kai Strittmatter, Verfasser der "Gebrauchsanweisung für China" (Piper Verlag; 14,90 Euro), hat als Experte für diese Volksrepublik den unschätzbaren Vorteil, dass er auch Sinologe ist und daher der Bedeutung der chinesischen Wörter selbst auf den Grund gehen kann. Und das tut er auf äußerst unterhaltsame, ironisch zugespitzte Weise in überschaubaren, kleinen Kapiteln, die viele Anekdoten über Sitten und Gebräuche erzählen.

Strittmatter lehrt zum Beispiel den für die Sportstadien der Hauptstadt unerlässlichen Peking-Fluch "Sha bi!", nicht ohne zu warnen, dass es sich um einen äußerst vulgären Ausdruck handelt. Vergeblich versuchte das städtische "Amt für geistige Zivilisation" im Vorfeld zur Olympiade, ihn den Fans abzugewöhnen - weiterhin beschimpfen sie damit die sportlichen Gegner. Immerhin ein bisschen Meinungsfreiheit, wenngleich nicht individuell, sondern nur in Form einer Massenbewegung.

 Olympisch muten auch so einige von Strittmatter angeführte Rekorde an: Auf 8000 schätzt ein chinesischer Jurist die Zahl der Hinrichtungen im Olympiajahr, 110 000 Menschen sterben jährlich im Straßenverkehr, was nicht nur absolut, sondern auch in Relation zur Zahl der Fahrzeuge viel ist. Und für die Auflösung von Staus werden gern mal mehrere Tage und Nächte benötigt. Ein großes Lesevergnügen, auch wenn man nur rein geistig nach China reisen will.

Von Rekorden weiß auch der "Titanic"-Kolumnist Christian Y. Schmidt in seiner Reisereportage "Allein unter 1,3 Milliarden" (Rowohlt Verlag; 19,90 Euro) zu berichten. Etwa, wenn sein Müllmann nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach am Tag kommt, um mit dem Fahrrad-Wägelchen Unrat zu entsorgen und dabei hartnäckig nachbohrt, was Schmidt eigentlich in China treibe.

Um sich diese Frage endgültig selbst zu beantworten, reiste der Autor, der immerhin mit einer Chinesin verheiratet ist, einmal quer durchs Riesenreich: von Ost nach West entlang der Nationalstraße 318, die - schon wieder so eine unfassbare Dimension - mit 5368 Kilometern über 1000 Kilometer länger ist als ihre amerikanische Verwande, die Route 66. Eine China-Reise, die einem mit dem gewitzten und eigentlich des Landes recht unkundigen Erzähler nicht langweilig wird.

 Aus vielen Einzelporträts setzt der in China lebende Journalist Janis Vougioukas sein Bild dieses Landes zusammen: "Wenn Mao das wüsste" (Herbig Verlag; 17,90 Euro) ist eine Sammlung exemplarischer Kurzreportagen. Da wird ein Mann vorgestellt, der sich in Hongkong als Armutsflüchtling aus dem Festland-China von der Supermarkt-Aushilfe zum Juwelier hocharbeitete. Seine Geschäftsidee: eine vollständig vergoldete Toilette, die Touristen in Scharen besichtigen, ehe sie bei ihm Souvenirs einkaufen. Ein Beispiel auch für die absurden Besitztümer der chinesischen Neureichen.

Vom Wandel, der auch den letzen Winkel des Reiches der Mitte erfasst, erzählt eine Reportage über den Lugu-See, wo man früher das Matriarchat und die Wanderehe pflegte und Sextouristen das heute als besondere Freizügigkeit verstehen wollen.

Sinnbild für den Wahnsinn, das dem unabhängigen Geist durch eigenes Nachdenken beschert wird, ist ein Mann, der alles dafür aufgegeben hat, das angeblich fehlerfreie, staatliche Wörterbuch zu überprüfen. 37 Mängel pro Seite stellte er inzwischen fest, und niemand will es wissen. Ein fehlerhaftes Wörterbuch zerstörte seinen Glauben an die Unfehlbarkeit eines Systems.

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