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Letzter Schliff für die Hochzeitstorte: Susanna (Sophia Christine Brommer) und Figaro (Jan Friedrich Eggers).

Wenn die Säfte steigen

Augsburg - Mozart-Glück: Jan Philipp Gloger inszenierte „Figaros Hochzeit“ am Theater Augsburg. Ein Blick auf die Opern-Premiere.

Wahrscheinlich werden sie als Einzige glücklich. Händchenhaltend singen die frisch geouteten Herren Basilio und Bartolo das Finale, während man um die Zukunft von Figaro/ Susanna oder Graf/Gräfin trotz „Perdono“ bangen muss. Wie das eben so ist, wenn die Säfte steigen, hatten sich doch zuvor schon Gräfin und Susanna einen heißen Kuss gegönnt. Kopfschüttelnd beäugt das niedere Personal aus Küche und Putzkolonne solch triebgesteuertes (Irr-)Leben, das Publikum im Theater Augsburg genießt dagegen sein Mozart-Glück.

Für Schauspiel-Regisseure mit aufkeimender Opernlust scheint ein Naturgesetz zu gelten: Auch Jan Philipp Gloger machte sich zuerst an Mozart. Der 29-Jährige, der fürs Bayerische Staatsschauspiel unter anderem Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ als ironische Mafia-Ballade inszeniert hat, zeigt „Figaros Hochzeit“ am Theater Augsburg als Souterrain-Burleske.

Alles spielt hier im großen Keller mit Klapptür zur Küche und Treppe zur Herrschaftsetage – ein mutiges, letztlich nicht immer logisches Einheitsbühnenbild (Ben Baur). Der neonkühle Mehrzweckraum ist das eigentliche Kraftzentrum des Hauses. Hier wollen Susanna und Figaro ihr Bett aufstellen, hier werden sie Hochzeit feiern, hier entflammt unter den Figuren ein erotisches „Alles geht“. Und hier hinab steigt die schlaflose Gräfin auf Tablettensuche, wobei sie sich im Frust der ersten Arie beinahe eine Überdosis genehmigt.

Schon während der Ouvertüre, die Dirigent Kevin John Edusei (wie später auch weite Teile der Partitur) als staubtrockenen Spumante perlen lässt, schließt man Bekanntschaft mit den Figuren. In diesen Minuten, später auch in den Arien und Ensembles zeigt sich Glogers Kunst: Mit wenigen Mitteln, Gesten und Blicken werden da Vollblut-Charaktere in all ihrer Skurrilität, Liebenswürdigkeit und Wahrhaftigkeit gezeichnet. Die Musiknummern haben Timing, vor allem die – sonst gern abgefertigten – Rezitative, die zu präzise choreographierten Schauspiel-Strecken werden. Dass Gloger seine Sänger auch zu Ersatzhandlungen nötigt, zum Verdoppeln der Situation im Spiel mit diversen Requisiten, ist daher bald verziehen.

Dafür hat er Sinn für Humor und für die Tiefenschichten seiner Figuren: Die Szene, in der Figaro seine Eltern erkennt, ist vor allem dank Mojca Vedernjak (Marcellina) von hinreißender Komik; die beiden Arien der Gräfin (von Katharina Persicke mit viel Schattierungslust und weiten Bögen gesungen) führen sie vor als Frau zwischen Glamour, Lust und Nervenzusammenbruch.

Und dass manche Rolle ein bisschen quer besetzt ist, gibt ihr sogar eine eigene Note: Sophia Christine Brommer mag der Susanna vokal entwachsen sein, die Partie bekommt dafür mehr Gewicht und bewahrt sie vor mozärtelnder Nettigkeit. Stephanie Hampl ist ein sehr fraulicher, umso pikanterer Cherubino, Seung-Gi Jung als Graf in Stimme und Spiel ein Kraft-Ereignis, während Jan Friedrich Eggers (Figaro) mit leichtgängigem Bariton und natürlicher Präsenz eher das Florett bevorzugt – Eggers wäre mühelos auch an Schauspiel-Abenden vorstellbar.

Mozarts „tollen Tag“ nimmt Dirigent Edusei wörtlich. Die Tempi sind rasant, manchmal auch etwas starr. Doch wie das Philharmonische Orchester Augsburg seine Vorgaben mit Klangschönheit und Trennschärfe erfüllt, imponiert. Große Begeisterung: So, wie Jan Philipp Gloger und das musikalische Team „Figaro Hochzeit“ vorführen, müsste es dringend einen Teil zwei geben.

Nächste Vorstellungen

am 8., 12., 23.12. sowie 8., 14.1.; Tel. 0821/ 324 49 00.

Von Markus Thiel

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